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Die Entwicklung des Bargelds in der Schweiz: Von den Kantonen zur SNB

Die Entwicklung des Bargelds in der Schweiz: Von den Kantonen zur SNB

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1. Einleitung

Wer heute in der Schweiz eine Banknote in die Hand nimmt, hält etwas scheinbar Selbstverständliches: einen Schweizer Franken, überall akzeptiert, wertstabil, staatlich garantiert. Bargeld funktioniert – geräuschlos, verlässlich, ohne dass man darüber nachdenken müsste. Doch genau diese Selbstverständlichkeit verstellt den Blick auf eine Geschichte, die von Unsicherheit, Misstrauen und wiederholtem Scheitern geprägt war. Denn der Franken war nicht immer stabil. Und Bargeld war in der Schweiz lange Zeit alles andere als einheitlich oder vertrauenswürdig.

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein glich das Geldwesen einem Flickenteppich. Kantone, Städte und private Banken gaben eigene Banknoten aus – jede mit unterschiedlicher Deckung, unterschiedlicher Glaubwürdigkeit und unterschiedlichem Wert. Vor 1850 kursierten über 860 verschiedene Münzen mit Zahlungsmittelfunktion in der Schweiz. Wer reiste oder Handel trieb, musste nicht nur Waren vergleichen, sondern auch Geldsorten beurteilen. Banknoten wurden mit Abschlägen gehandelt, ihre Annahme war Vertrauenssache, ihr Wert keineswegs sicher. Bargeld war kein staatliches Versprechen, sondern ein privates – und entsprechend fragil.

In „Kulturgeschichte des Geldes“, S. 27 steht:

In der Schweiz wird die erste Banknote 1826 in Bern herausgegeben. Nach und nach wächst die Zahl der Banknoten emittierenden Banken in der Schweiz auf 53, sodass ein Wust an unterschiedlichen Papierwechseln entsteht. Daher wird im Jahr 1876 zwischen den Banken ein Konkordat geschlossen, das die wechselseitige Anerkennung und Vereinheitlichung der Banknoten ermöglicht.“

Diese monetäre Zersplitterung war kein Zufall. Sie spiegelte die politische Realität der Schweiz wider: einen lockeren Staatenbund ohne zentrale Autorität, geprägt von starkem Föderalismus und regionaler Eigenständigkeit. Geld war Ausdruck dieser Ordnung – und zugleich eines ihrer größten Probleme. Erst als wirtschaftliche Entwicklung, Handel und Mobilität zunahmen, wurden die Grenzen dieses Systems sichtbar. Die Frage, wer Geld ausgeben darf und wofür es steht, rückte ins Zentrum staatlicher Verantwortung.

Die Geschichte des Schweizer Bargelds ist deshalb mehr als eine technische Entwicklung. Sie ist eine Geschichte staatlicher Reifung, politischer Lernprozesse und institutioneller Konsequenz. Vom kantonalen Geldchaos über die Bundesverfassung von 1848 bis zur Gründung der Schweizerischen Nationalbank im Jahr 1907 war es ein weiter Weg – ein Weg, auf dem Vertrauen nicht vorausgesetzt, sondern mühsam aufgebaut werden musste.

Wer verstehen will, warum Bargeld in der Schweiz bis heute einen besonderen Stellenwert hat, muss diesen Weg kennen. Denn erst aus den Fehlern der Vergangenheit entstand ein Geldsystem, das Stabilität nicht versprach, sondern institutionell absicherte. Und genau darin liegt die eigentliche Bedeutung des Schweizer Bargelds – damals wie heute.

2. Analyse der historischen Ausgangslage

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts existierte in der Schweiz kein einheitliches Geldwesen. Der Staatenbund war politisch fragmentiert, wirtschaftlich heterogen und institutionell schwach ausgeprägt. Entsprechend lag die Verantwortung für das Geld nicht bei einer zentralen Instanz, sondern bei Kantonen, Städten und privaten Banken. Diese gaben Banknoten nach eigenen Regeln aus, oft ohne einheitliche Deckungsvorschriften oder übergeordnete Kontrolle. Geld war damit kein gemeinschaftlich getragenes Ordnungsinstrument, sondern Ausdruck lokaler Macht- und Vertrauensverhältnisse.

Die Folgen dieser Struktur zeigten sich vor allem im Zahlungsverkehr. Banknoten zirkulierten nicht zu einem festen Nennwert, sondern wurden je nach Emittent und Region unterschiedlich bewertet. Händler und Konsumenten mussten fortlaufend einschätzen, welcher Note sie vertrauen konnten. Abschläge, Wechselkurse und Annahmeverweigerungen gehörten zum Alltag. Besonders in wirtschaftlich angespannten Zeiten verstärkte sich diese Unsicherheit, da Zahlungsversprechen privater Herausgeber rasch an Glaubwürdigkeit verlieren konnten.

Dieses System funktionierte nur solange, wie wirtschaftliche Beziehungen überwiegend lokal blieben. Mit zunehmender Mobilität, wachsendem Handel und beginnender Industrialisierung stieß es jedoch an seine Grenzen. Geld, das regional gebunden war, erwies sich als Hindernis für einen nationalen Wirtschaftsraum. Die monetäre Zersplitterung wurde damit zu einem strukturellen Problem, das nicht mehr durch individuelle Vorsicht oder Marktmechanismen lösbar war.

Die historische Ausgangslage macht deutlich: Ein stabiles Bargeldsystem setzt eine stabile staatliche Ordnung voraus. Erst als sich diese Erkenntnis durchsetzte, entstand der politische Wille, das Geldwesen neu zu organisieren – als Voraussetzung für Vertrauen, Einheitlichkeit und wirtschaftliche Entwicklung.

Beim Geld war es in der Schweiz ein bisschen wie bei der politischen Zersplitterung in Deutschland. Erst durch die Reichsgründung 1871 konnte vieles vereinheitlicht werden und der wirtschaftliche Aufschwung konnte beginnen. Zuvor gab es 4 Königreiche (Preußen, Bayern, Sachsen und Württemberg), 6 Grossherzogtümer (Reichsland Elsass-Lothringen), 5 Herzogtümer (Sachsen-Herzogtümer (Sachsen-Altenburg, Sachsen-Coburg und Gotha, Sachsen-Meiningen), Braunschweig, Anhalt), 7 Fürstentümer (Hohenzollern-Hechingen, Reuß älterer Linie (Greiz), Reuß jüngerer Linie (Gera), Schwarzburg-Rudolstadt, Schwarzburg-Sondershausen, Waldeck und Pyrmont, Lippe, Schaumburg-Lippe, einige freie Städte (Hamburg, Lübeck, Bremen) und das Reichsland Elsass-Lothringen. Also ein schöner Flickenteppich.

3. Hauptteil – Die historische Entwicklung des Bargelds

3.1 Die Ära der kantonalen und privaten Banknoten

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war die Ausgabe von Banknoten in der Schweiz keine staatliche Aufgabe, sondern ein dezentrales und weitgehend unreguliertes Geschäft. Kantone, Städte, Handelsbanken und einzelne Privatbanken emittierten eigene Banknoten, die formal als Zahlungsversprechen des jeweiligen Herausgebers galten. Eine einheitliche gesetzliche Grundlage existierte nicht. Entsprechend unterschieden sich die Noten hinsichtlich Gestaltung, Nennwert, Deckung und Einlösbarkeit erheblich.

Diese Vielfalt war Ausdruck des ausgeprägten Föderalismus, hatte jedoch gravierende praktische Konsequenzen. Banknoten waren kein allgemein akzeptiertes Geld, sondern Vertrauensobjekte. Ihre Annahme hing von der wahrgenommenen Bonität des Emittenten ab. Während etablierte Banken ihre Noten relativ breit in Umlauf bringen konnten, wurden weniger bekannte oder wirtschaftlich schwächere Herausgeber mit Misstrauen betrachtet. Im Zahlungsverkehr führte dies zu Abschlägen, regionalen Akzeptanzgrenzen und einem florierenden Wechselgeschäft.

Besonders problematisch war die fehlende Transparenz über die tatsächliche Deckung der Banknoten. Zwar versprachen viele Emittenten die Einlösung in Münzgeld oder Edelmetall, doch Kontrolle und Durchsetzung waren begrenzt. In wirtschaftlichen Krisenzeiten oder bei Bankzusammenbrüchen verloren Noten rasch an Wert oder wurden vollständig wertlos. Das Risiko trugen nicht die Emittenten, sondern die Geldhalter. Bargeld war damit kein stabiles Wertaufbewahrungsmittel, sondern ein potenzielles Verlustgeschäft.

Für Handel und Wirtschaft bedeutete dieses System einen erheblichen Reibungsverlust. Preise waren schwer vergleichbar, Zahlungen unsicher, Vertrauen fragmentiert. Geld erfüllte seine zentrale Funktion als allgemeines Tausch- und Rechenmittel nur eingeschränkt. Die zunehmende Erkenntnis, dass monetäre Stabilität nicht durch Wettbewerb zwischen privaten Notenausgebern entsteht, sondern durch institutionelle Verlässlichkeit, bereitete den Boden für eine grundlegende Neuordnung des Geldwesens.

3.2 Wirtschaftliche Folgen des Geldpluralismus

Die Vielzahl kantonaler und privater Banknoten blieb nicht ohne Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz. Der Geldpluralismus erzeugte systematische Unsicherheiten, die weit über einzelne Zahlungsvorgänge hinausgingen. Geld erfüllte seine Rolle als allgemein akzeptiertes Tauschmittel nur eingeschränkt und verlor damit eine seiner zentralen wirtschaftlichen Funktionen: die Reduktion von Transaktionskosten.

Im täglichen Geschäftsverkehr bedeutete dies einen erheblichen Mehraufwand. Händler, Gewerbetreibende und Konsumenten mussten fortlaufend die Qualität und Akzeptanzfähigkeit der vorgelegten Banknoten beurteilen. Der nominelle Wert einer Note war nicht ausschlaggebend, sondern das Vertrauen in den Emittenten. Daraus entstand ein informeller Bewertungsmarkt, in dem Noten je nach Herkunft, Entfernung zum Herausgeber oder aktueller Wirtschaftslage mit Abschlägen gehandelt wurden. Geldpreise schwankten, ohne dass sich reale Güterpreise verändert hätten.

Diese Unsicherheit hemmte insbesondere den überregionalen Handel. Während lokale Wirtschaftskreisläufe noch funktionierten, erwies sich der Geldpluralismus bei wachsender Mobilität und zunehmender Arbeitsteilung als strukturelles Hindernis. Unternehmer sahen sich gezwungen, Risiken in ihre Kalkulationen einzupreisen oder Zahlungen in bestimmten Noten ganz abzulehnen. Investitionen wurden vorsichtiger getätigt, da Zahlungsversprechen jederzeit an Wert verlieren konnten.

Hinzu kam eine systemische Instabilität. In Zeiten wirtschaftlicher Spannungen verstärkte sich das Misstrauen gegenüber privaten Notenausgebern. Gerüchte über Zahlungsschwierigkeiten reichten oft aus, um Banknoten massenhaft zurückzugeben. Solche Vertrauenskrisen führten nicht selten zu Kettenreaktionen, bei denen einzelne Bankzusammenbrüche das gesamte regionale Geldwesen destabilisierten.

Die wirtschaftlichen Folgen machten deutlich, dass monetäre Vielfalt nicht automatisch zu Stabilität führt. Wettbewerb zwischen Notenausgebern erzeugte kein verlässliches Geld, sondern Unsicherheit. Diese Erfahrung legte den Grundstein für die Einsicht, dass Geld als Infrastruktur verstanden werden muss – und dass seine Stabilität nicht dem Markt allein überlassen werden kann.

3.3 1848 – Der Bundesstaat als monetärer Wendepunkt

Mit der Bundesverfassung von 1848 vollzog die Schweiz einen tiefgreifenden politischen Wandel. Aus einem lockeren Staatenbund wurde ein Bundesstaat mit klar definierten Kompetenzen auf nationaler Ebene. Diese Neuordnung hatte unmittelbare Auswirkungen auf das Geldwesen. Erstmals wurde das Münz- und Währungswesen ausdrücklich zur Aufgabe des Bundes erklärt. Damit war die monetäre Zersplitterung nicht länger eine unvermeidliche Folge des Föderalismus, sondern ein politisch adressierbares Problem.

Die Einführung des Schweizer Franken als einheitliche Rechnungseinheit markierte einen wichtigen Schritt hin zu monetärer Ordnung. Ziel war es, den Handel zu erleichtern, Preisvergleiche zu ermöglichen und die wirtschaftliche Integration des Landes voranzutreiben. Der Franken ersetzte die Vielzahl regionaler Münzsysteme und schuf erstmals eine gemeinsame monetäre Sprache. Doch dieser Schritt allein reichte nicht aus, um ein stabiles Bargeldsystem zu etablieren.

Denn obwohl der Bund nun die formale Kompetenz über das Geldwesen besaß, blieb die Ausgabe von Banknoten weiterhin privaten Banken überlassen. Die Bundesverfassung regelte das Münzwesen, nicht jedoch die Notenausgabe. Damit bestand ein struktureller Widerspruch: Eine einheitliche Währung existierte, aber ihre konkrete Ausgestaltung im Zahlungsverkehr blieb fragmentiert. Der Franken war zwar gesetzlich definiert, trat jedoch weiterhin in Form unterschiedlichster Banknoten auf.

Diese Zwischenlösung verdeutlicht den vorsichtigen Charakter der damaligen Reformen. Der junge Bundesstaat scheute vor einer vollständigen Zentralisierung zurück und beließ wesentliche Teile des Geldsystems in privaten Händen. Erst die fortdauernden Probleme im Banknotenwesen sollten in den folgenden Jahrzehnten zu der Einsicht führen, dass eine einheitliche Währung ohne einheitliche Notenausgabe nur begrenzt stabil sein kann. Der Wendepunkt von 1848 war damit nicht der Abschluss, sondern der Beginn eines längeren institutionellen Lernprozesses.

3.4 Die Zwischenphase 1850–1907: Einheitliche Währung ohne einheitliches Bargeld

Die Jahrzehnte nach 1848 waren von einem strukturellen Spannungsverhältnis geprägt. Zwar verfügte die Schweiz nun über eine einheitliche Währung und eine klar definierte staatliche Ordnung, doch im Bereich der Banknoten blieb das System weitgehend unverändert. Private Banken gaben weiterhin eigenes Papiergeld aus, nun zwar auf Franken lautend, aber nach wie vor mit unterschiedlicher Qualität, Deckung und Akzeptanz. Die formale Einheit der Währung stand im Widerspruch zur praktischen Realität des Zahlungsverkehrs.

In dieser Phase nahm die Zahl der Notenausgeber sogar zu. Der wirtschaftliche Aufschwung und die fortschreitende Industrialisierung führten zu einem steigenden Bedarf an Zahlungsmitteln. Private Banken nutzten diese Nachfrage, um durch Notenausgabe ihre Geschäftstätigkeit auszuweiten. Das Bargeldvolumen wuchs, doch die grundlegenden Probleme blieben bestehen. Banknoten unterschieden sich weiterhin in ihrer Verlässlichkeit, und das Vertrauen der Bevölkerung hing maßgeblich von der Stabilität einzelner Institute ab.

Wiederkehrende Bankenkrisen machten die Schwächen des Systems deutlich. Zahlungsausfälle, Liquiditätsengpässe und Konkursfälle führten dazu, dass Banknoten plötzlich an Wert verloren oder ganz aus dem Umlauf verschwanden. Der Schaden traf erneut die Geldhalter, nicht die Emittenten. Je stärker die Wirtschaft vernetzt wurde, desto gravierender wirkten sich diese lokalen Krisen auf das gesamte Land aus. Das Geldwesen erwies sich als systemisch anfällig.

Gleichzeitig wuchs das Bewusstsein, dass Geld nicht nur ein privates Vertragsverhältnis, sondern ein zentrales Ordnungsinstrument ist. Die Idee, dass der Staat Verantwortung für die Qualität des Geldes tragen müsse, gewann an Gewicht. Die Diskussion verlagerte sich zunehmend von technischen Fragen der Deckung hin zu grundsätzlichen ordnungspolitischen Überlegungen: Wer soll Geld schaffen? Wer haftet für seine Stabilität? Und wie lässt sich Vertrauen institutionell absichern?

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde deutlich, dass die bestehenden Arrangements nicht ausreichten. Eine einheitliche Währung ohne einheitliche Notenausgabe blieb ein unvollendetes Projekt. Der Druck zur Zentralisierung nahm zu – und bereitete den Weg für den entscheidenden Schritt: die Übertragung des Notenmonopols an eine nationale Institution.

In den 1880er Jahren wuchs der Wunsch, die Währung zu vereinheitlichen und eine einzige, starke Währungsbehörde zu schaffen, nach dem Vorbild anderer europäischer Staaten wie Frankreich oder Deutschland. Obwohl 1890 die Gründung noch nicht beschlossen war, liefen die politischen Vorbereitungen für ein zentrales Banknotenmonopol, was 1891 mit der Volksabstimmung, die dem Bund das alleinige Recht zur Banknotenausgabe übertrug (Banknotenmonopol) realisiert wurde und den Weg für die SNB ebnete.

3.5 1907 – Die Gründung der Schweizerischen Nationalbank und das Notenmonopol

Mit der Gründung der Schweizerischen Nationalbank im Jahr 1905, des Beschlusses des entsprechenden Bundesgesetzes am 16. Januar 1906 und der Aufnahme der Geschäftstätigkeit am 20. Juni 1907 zog die Schweiz die entscheidende Konsequenz aus jahrzehntelangen Erfahrungen mit einem instabilen Banknotenwesen. Erstmals wurde die Ausgabe von Banknoten vollständig zentralisiert und einem nationalen, öffentlich-rechtlichen Institut übertragen. Das Notenmonopol markierte einen grundlegenden Systemwechsel: Bargeld war fortan kein privates Zahlungsversprechen mehr, sondern ein staatlich garantiertes.

Die Entscheidung zur Zentralisierung war nicht primär ideologisch motiviert, sondern pragmatisch. Wiederkehrende Bankenkrisen, regionale Instabilitäten und Vertrauensverluste hatten gezeigt, dass ein dezentral organisiertes Notenwesen den Anforderungen einer zunehmend integrierten Volkswirtschaft nicht gerecht wurde. Geld sollte nicht länger vom Erfolg einzelner Banken abhängen, sondern unabhängig von deren wirtschaftlicher Lage funktionieren. Stabilität wurde zur obersten Maxime.

Die Schweizerische Nationalbank erhielt den Auftrag, die Geld- und Währungspolitik im Gesamtinteresse des Landes zu führen. Ihre Banknoten waren nicht mehr Forderungen gegenüber einzelnen Emittenten, sondern gesetzliche Zahlungsmittel mit staatlicher Rückendeckung. Damit wurde Bargeld zu einem allgemeinen öffentlichen Gut. Der Besitz einer Banknote bedeutete nun eine unmittelbare Forderung gegenüber der Gemeinschaft – nicht gegenüber einer Bank.

Gleichzeitig wurde eine klare institutionelle Trennung etabliert. Geschäftsbanken blieben für Kreditvergabe und Zahlungsverkehr zuständig, während die Verantwortung für das Bargeld bei der Nationalbank lag. Diese Arbeitsteilung erhöhte die Transparenz des Systems und reduzierte systemische Risiken. Bargeld erhielt eine Sonderstellung: Es war schuldenfrei im Besitz des Halters und unabhängig von der Solvenz privater Institute.

Mit dem Notenmonopol von 1907 erreichte die Entwicklung des Schweizer Bargelds einen vorläufigen Abschluss. Das Vertrauen, das zuvor immer wieder erschüttert worden war, wurde nun institutionell abgesichert. Die Lehre aus der Geschichte war eindeutig: Ein stabiles Bargeldsystem erfordert eine zentrale Verantwortung. Diese Einsicht prägt das schweizerische Geldwesen bis heute.

Grundsätzlich gilt dies auch heute. Nur haben wir mit dem Buchgeld der Geschäftsbanken wieder eine ähnliche Lage wie zu den Zeiten als private Banken auf Schweizer Franken lautende Banknoten herausgeben durften. Ein wesentlicher Unterschied ist, beim heutigen Buchgeld ist nicht erkennbar, welche Bank es herausgegeben hat. Genau dieses Problem wollte die Vollgeld-Initiative lösen.

3.6 Bargeld als Ergebnis historischer Lehren

Die Zentralisierung der Banknotenausgabe im Jahr 1907 war kein isoliertes Reformprojekt, sondern das Ergebnis eines langen historischen Lernprozesses. Jede Phase der Entwicklung hatte ihre Spuren hinterlassen: die Unsicherheiten der kantonalen Noten, die wirtschaftlichen Reibungsverluste des Geldpluralismus, die unvollständige Lösung nach 1848 und schließlich die systemischen Krisen der Zwischenphase. Aus diesen Erfahrungen formte sich ein klarer institutioneller Grundsatz: Geld muss Vertrauen schaffen, nicht Vertrauen voraussetzen.

Bargeld wurde in der Schweiz bewusst als staatliche Aufgabe organisiert. Seine Stabilität sollte nicht vom Erfolg einzelner Marktakteure abhängen, sondern durch eine übergeordnete Verantwortung abgesichert sein. Die Banknote wandelte sich vom privaten Zahlungsversprechen zum öffentlichen Rechtsanspruch. Damit änderte sich nicht nur die technische Ausgestaltung des Geldes, sondern auch seine gesellschaftliche Bedeutung. Bargeld wurde zu einem gemeinsamen Referenzpunkt für Wert, Preis und Vertrauen.

Zentral war dabei die Erkenntnis, dass Geld eine Infrastruktur darstellt. Wie Verkehrswege oder Rechtsordnung erfüllt es eine koordinierende Funktion, die nur dann zuverlässig wirkt, wenn sie allgemein akzeptiert und dauerhaft stabil ist. Wettbewerb zwischen Notenausgebern hatte diese Funktion nicht gestärkt, sondern untergraben. Erst die Bündelung der Verantwortung schuf die Voraussetzungen für ein Geld, das im Alltag kaum noch hinterfragt werden musste.

Diese historische Perspektive erklärt, warum Bargeld in der Schweiz bis heute eine besondere Stellung einnimmt. Es ist das einzige Zahlungsmittel, das vollständig außerhalb der Bilanz privater Banken existiert und direkt durch den Staat garantiert wird. Diese Sonderrolle ist kein Zufall, sondern die Konsequenz aus früheren Fehlentwicklungen. Bargeld steht damit für eine bewusste institutionelle Entscheidung – getroffen im Wissen um die Risiken eines ungeordneten Geldsystems.

3.7 Historischer Exkurs: Die Vollgeld-Initiative im Kontext der Bargeldentwicklung

Die Vollgeld-Initiative, die 2018 in der Schweiz zur Abstimmung gelangte, kann als moderne Reflexion eines alten historischen Themas verstanden werden: Wer trägt die Verantwortung für Geld, und wie lässt sich dessen Stabilität institutionell absichern? Auch wenn die Initiative letztlich abgelehnt wurde, ist ihr Anliegen eng mit den historischen Erfahrungen der Schweiz verknüpft.

Die Befürworter verlangten, dass nur die Schweizerische Nationalbank Geld schöpfen darf, während Geschäftsbanken ausschließlich Kredite aus bereits bestehendem Geld vergeben. Kernidee war, das Geldwesen vom Risiko privater Banken zu entkoppeln – eine Forderung, die historisch bereits im Jahr 1907 adressiert wurde, als die Nationalbank das Notenmonopol erhielt. Der Unterschied liegt in der technischen Umsetzung: Damals betraf die Zentralisierung ausschließlich das Bargeld, während Buchgeld damals nur eine untergeordnete Rolle spiele. Dies hat sich durch die weitere Entwicklung weg vom Bargeld geändert. Heute wird Buchgeld im grossen Stil durch Geschäftsbanken geschaffen. Die Initiative hätte beim Buchgeld dasselbe gemacht wie es beim Bargeld seit 1907 funktioniert. Nur die SNB gibt es heraus.

Historisch betrachtet ist die Debatte ein Spiegel alter Lernprozesse. Schon die Erfahrungen des 19. Jahrhunderts hatten gezeigt, dass dezentrale Notenausgabe instabil ist. Die Zentralisierung auf die Nationalbank sicherte das Bargeld als öffentliches Gut und garantierte Vertrauen. Die Vollgeld-Initiative griff diese Erkenntnis auf, indem sie Stabilität und öffentliche Verantwortung über das gesamte Geldsystem hinweg stärken wollte. Sie macht deutlich: Die Frage nach der Zuständigkeit für Geld ist kein technisches Detail, sondern ein fundamentales ordnungspolitisches Thema.

Die Initiative ist somit kein Bruch, sondern eine Fortsetzung einer über hundertjährigen Debatte. Sie zeigt, dass die historische Erfahrung mit Bargeld bis heute relevant ist und dass zentrale Fragen der Geldordnung weiterhin kontrovers diskutiert werden. Die Lektion der Vergangenheit bleibt unverändert: Geld schafft Vertrauen nur dann, wenn die Verantwortung klar geregelt und institutionell abgesichert ist.

4. Schlussfolgerung und Ausblick

Die Geschichte des Schweizer Bargelds ist mehr als eine Abfolge von Zahlen und Banknoten. Sie ist eine Geschichte von Vertrauen, Fehlversuchen und institutionellem Lernen. Vom Flickenteppich kantonaler und privater Banknoten über die unvollständigen Reformen nach 1848 bis hin zur Aufnahme der Geschäftstätigkeit der Schweizerischen Nationalbank 1907 zeigt sich ein klarer Muster: Stabilität entsteht nicht zufällig, sie ist das Ergebnis bewusster, politischer Entscheidungen und sorgfältig aufgebauter Institutionen. Bargeld ist in der Schweiz kein bloßes Zahlungsmittel, sondern ein öffentliches Gut, das direkt durch den Staat garantiert wird.

Diese historische Perspektive macht deutlich, warum Bargeld heute noch einen besonderen Stellenwert hat. Es ist das einzige Geld, das vollständig außerhalb der Bilanz privater Banken existiert, schuldenfrei im Besitz des Halters ist und als direkter Anspruch auf die öffentliche Währung fungiert. Jede schrittweise Einschränkung oder Abschaffung würde daher nicht nur den Alltag verändern, sondern eine fundamentale Systementscheidung berühren – eine Entscheidung, die die Stabilität, die Freiheit und die Vertrauensbasis des gesamten Geldsystems betrifft.

Die historischen Lektionen bieten gleichzeitig Orientierung für die Gegenwart. Sie zeigen: Geldpolitik ist kein abstraktes technisches Problem, sondern eine ordnungspolitische Aufgabe. Stabilität entsteht nur, wenn Verantwortung klar geregelt ist, Institutionen funktionieren und die Interessen der Gemeinschaft gewahrt bleiben. Moderne Debatten, wie jene um digitale Zentralbankwährungen oder die Vollgeld-Initiative, sind in diesem Licht weniger Innovationen als Fortsetzungen jahrhundertelanger Diskussionen über Vertrauen und Verantwortung im Geldwesen.

Für jeden Einzelnen bedeutet dies, dass Bargeld nicht als selbstverständlich hingenommen werden sollte. Das Wissen um seine Geschichte schafft Bewusstsein für die Bedeutung von Stabilität, Transparenz und staatlicher Verantwortung. Wer versteht, wie das Schweizer Bargeld entstanden ist, erkennt auch, wie leicht diese Errungenschaften gefährdet werden können.

Es liegt an uns, diese Erkenntnisse weiterzutragen. Sprechen Sie mit Freunden, Familie und Kollegen über die Geschichte des Franken, erklären Sie, warum Bargeld mehr ist als ein Zahlungsmittel, und machen Sie sichtbar, welche Konsequenzen eine schleichende Einschränkung hätte. Die Stabilität des Geldes, die wir heute als selbstverständlich empfinden, ist das Ergebnis von politischem Weitblick und institutionellem Lernen – und es liegt an uns, dieses Wissen lebendig zu halten.

Denn die Geschichte des Bargelds zeigt eines sehr klar: Geld ist immer eine Entscheidung. Wer entscheidet, wie es geschaffen, verteilt und garantiert wird, bestimmt zugleich, wie stabil und verlässlich unsere Wirtschaft, unsere Gesellschaft und unser Alltag funktionieren. Diese Entscheidung bewusst zu verstehen und weiterzugeben, ist nicht nur historische Pflicht, sondern ein Beitrag zur Erhaltung eines Systems, das Vertrauen schafft, statt es vorauszusetzen.

Es ist an der Zeit, das Gespräch über Bargeld zu führen – bevor die Freiräume weiter eingeschränkt werden.

Am 8. März kommt die Volksinitiative «Ja zu einer unabhängigen, freien Schweizer Währung mit Münzen oder Banknoten (Bargeld ist Freiheit)» zur Abstimmung. Überlegen Sie sich gut, ob Sie zur Abstimmung gehen und wie Sie abstimmen wollen.

Ein Ja zur Initiative wäre ein starkes Zeichen der Bevölkerung an den Bundesrat.

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 Hat Bargeld eine Zukunft – oder entscheiden wir uns dagegen?

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