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 Hat Bargeld eine Zukunft – oder entscheiden wir uns dagegen?

Hat Bargeld eine Zukunft – oder entscheiden wir uns dagegen?

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1. Einleitung – Ausgangslage & Problemstellung

Bargeld ist so alltäglich, dass wir seine Bedeutung kaum noch hinterfragen. Münzen und Banknoten funktionieren, seit wir denken können. Sie benötigen kein Update, kein Passwort, keinen Strom und keine Zustimmung Dritter. Und genau deshalb geraten sie zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. In einer Zeit, in der digitale Bezahlformen als Fortschritt gelten, erscheint Bargeld vielen als Relikt aus einer analogen Vergangenheit – ineffizient, umständlich, angeblich sogar verdächtig. Doch diese Sicht greift zu kurz.

Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob digitales Bezahlen bequemer ist. Sie lautet: Was verlieren wir, wenn Bargeld verschwindet? Und noch grundlegender: Wer trifft diese Entscheidung – Technik, Politik oder wir selbst?

Mit der Einführung digitaler Zentralbankwährungen, sogenannter Central Bank Digital Currencies (CBDC), betritt das Geldsystem Neuland. Erstmals entsteht die Möglichkeit, staatliches Geld vollständig digital, zentral steuerbar und potenziell programmierbar auszugestalten. Geld könnte künftig nicht nur gespeichert und übertragen, sondern auch in seiner Verwendung eingeschränkt, zeitlich befristet oder gezielt gelenkt werden. Was technisch machbar ist, wird früher oder später politisch diskutierbar – und oft auch umgesetzt.

In einem solchen System ist Bargeld nicht mehr zwingend notwendig. Gerade deshalb gewinnt es an Bedeutung. Bargeld ist die einzige Geldform, die Bürgerinnen und Bürger direkt halten können, ohne Gegenpartei, ohne digitale Infrastruktur und ohne permanente Nachvollziehbarkeit. Es bildet einen stillen, aber wirksamen Schutzraum wirtschaftlicher Selbstbestimmung – auch in der Schweiz, wo Freiheit, Stabilität und Vertrauen zentrale Werte darstellen.

Die Zukunft des Bargelds ist daher keine technologische, sondern eine gesellschaftliche Frage. Sie entscheidet sich nicht in Rechenzentren oder Innovationslabors, sondern im kollektiven Bewusstsein. Bargeld verschwindet nicht zwangsläufig. Es wird aufgegeben, wenn Bequemlichkeit höher gewichtet wird als Freiheit – und wenn die Konsequenzen erst sichtbar werden, wenn Alternativen nicht mehr existieren.

Die Frage ist also nicht, ob Bargeld eine Zukunft hat. Die Frage ist, ob wir sie wollen.

2. Kurze Analyse der aktuellen Lage

Die gegenwärtige Entwicklung rund um Bargeld vollzieht sich nicht abrupt, sondern schrittweise und weitgehend geräuschlos. Offizielle Abschaffungsbeschlüsse sind selten, doch die faktische Nutzung wird zunehmend eingeschränkt. Immer mehr Händler akzeptieren Bargeld nur widerwillig oder gar nicht mehr, Bankfilialen bauen Bargeldservices ab, und Gebühren für Ein- und Auszahlungen werden eingeführt oder steigen. Diese Veränderungen erfolgen nicht aus technischer Notwendigkeit, sondern aufgrund ökonomischer Anreize und politischer Rahmenbedingungen.

Gleichzeitig wird die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs gezielt gefördert. Elektronische Zahlungen gelten als effizient, kostengünstig und transparent. Aus staatlicher Sicht ermöglichen sie zudem eine bessere Nachvollziehbarkeit wirtschaftlicher Aktivitäten, was mit Argumenten wie Geldwäschebekämpfung, Steuertransparenz oder finanzieller Stabilität begründet wird. Diese Ziele sind legitim, doch sie verändern die Balance zwischen öffentlichem Interesse und individueller Freiheit.

Mit der Entwicklung digitaler Zentralbankwährungen erreicht diese Verschiebung eine neue Qualität. CBDCs versprechen ein staatlich garantiertes, digitales Zahlungsmittel, das direkt von der Zentralbank ausgegeben wird. Gleichzeitig eröffnen sie die Möglichkeit, geldpolitische Massnahmen bis auf die Ebene einzelner Zahlungen durchzusetzen. Bargeld passt in ein solches System nur bedingt, da es sich staatlicher Steuerung weitgehend entzieht.

Die aktuelle Lage ist daher von einem Spannungsfeld geprägt: zwischen Effizienz und Resilienz, zwischen Kontrolle und Autonomie. Noch existiert Bargeld als selbstverständliche Option. Doch je weniger es genutzt wird, desto einfacher wird es, seine Bedeutung infrage zu stellen – bis die Entscheidung faktisch bereits gefallen ist.

3. Hauptteil

3.1 Bargeld ist mehr als ein Zahlungsmittel

Bargeld wird häufig auf seine praktische Funktion reduziert: Es dient dem Austausch von Waren und Dienstleistungen. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz. Bargeld ist nicht nur ein technisches Zahlungsmittel, sondern ein rechtlich, gesellschaftlich und politisch relevanter Bestandteil der Geldordnung. Es verkörpert eine Form von Geld, die ohne digitale Infrastruktur, ohne Gegenpartei und ohne fortlaufende Überwachung funktioniert. Gerade diese Eigenschaften machen Bargeld einzigartig.

Im Unterschied zu elektronischem Buchgeld stellt Bargeld eine unmittelbare Forderung gegenüber der Zentralbank dar. Wer Bargeld besitzt, ist nicht auf die Funktionsfähigkeit eines Zahlungssystems, einer Bank oder eines Netzwerks angewiesen. Ein Stromausfall stört ihn wenig. Diese Unabhängigkeit ist kein historisches Überbleibsel, sondern ein bewusst gestaltetes Element moderner Geldsysteme – auch in der Schweiz, wo Bargeld als gesetzliches Zahlungsmittel verankert ist.

Darüber hinaus erfüllt Bargeld eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Es ermöglicht wirtschaftliche Teilhabe ohne technische oder soziale Zugangshürden. Menschen ohne Smartphone, ohne Bankkonto oder mit eingeschränktem Zugang zu digitalen Dienstleistungen bleiben handlungsfähig. Bargeld ist damit inklusiv, während digitale Zahlungssysteme stets bestimmte Voraussetzungen voraussetzen.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Anonymität. Bargeldtransaktionen hinterlassen keine digitalen Spuren. Diese Eigenschaft wird häufig mit illegalen Aktivitäten in Verbindung gebracht, doch Anonymität ist kein Synonym für Kriminalität. Sie ist ein legitimer Schutzraum für Privatsphäre. In einer offenen Gesellschaft gehört es zum Grundverständnis, dass nicht jede wirtschaftliche Handlung dokumentiert, analysiert oder bewertet werden muss.

Bargeld schafft zudem einen direkten Bezug zum eigenen Konsumverhalten. Der physische Umgang mit Geld wirkt disziplinierend und transparent. Ausgaben werden bewusster wahrgenommen als bei abstrakten, digitalen Zahlungen. Auch dieser Aspekt trägt zur finanziellen Selbstverantwortung bei – ein Punkt, der in der Diskussion um Überschuldung und Konsumverhalten oft unterschätzt wird.

Wer Bargeld ausschliesslich unter Effizienzgesichtspunkten beurteilt, verkennt seine Rolle. Bargeld ist kein technischer Anachronismus, sondern ein Freiheitsinstrument. Seine Bedeutung zeigt sich nicht im Alltag, sondern im Ausnahmefall – und in der Möglichkeit, sich bewusst für oder gegen digitale Systeme entscheiden zu können.

3.2 Digitale Zentralbankwährungen (CBDC): Chancen und Risiken

Digitale Zentralbankwährungen gelten als logischer nächster Schritt in der Evolution des Geldsystems. Sie versprechen ein staatlich garantiertes, digitales Zahlungsmittel, das direkt von der Zentralbank ausgegeben wird. Im Unterschied zu privatem Buchgeld oder Kryptowährungen wären CBDCs frei von Kreditrisiken einzelner Banken und könnten theoretisch allen Bürgerinnen und Bürgern direkt zur Verfügung stehen. Aus technischer Sicht eröffnen sie neue Möglichkeiten in Bezug auf Effizienz, Geschwindigkeit und Kosten im Zahlungsverkehr.

Auch aus geldpolitischer Perspektive erscheinen CBDCs attraktiv. Transaktionen könnten in Echtzeit abgewickelt werden, grenzüberschreitende Zahlungen würden vereinfacht, und geldpolitische Impulse könnten gezielter wirken. In Krisensituationen liessen sich staatliche Transferzahlungen direkt und ohne Umwege auszahlen. Diese Argumente sind nachvollziehbar und verdienen eine sachliche Betrachtung. Dabei gibt es bereits heute über die Rückerstattung der CO2 Abgaben über die Krankenkassenprämien etwas ähnliches.

Gleichzeitig verändern CBDCs die Architektur des Geldsystems grundlegend. Erstmals hätte die Zentralbank nicht nur indirekten Einfluss über Geschäftsbanken, sondern einen direkten Zugang zu den Zahlungsvorgängen der Bevölkerung. Damit entsteht eine neue Nähe zwischen Geldpolitik und individuellem wirtschaftlichem Verhalten. Was heute noch über Zinssätze und regulatorische Vorgaben gesteuert wird, könnte künftig auf Ebene einzelner Konten oder Zahlungen erfolgen.

Besonders sensibel ist die Frage der Programmierbarkeit. Technisch wäre es möglich, digitales Zentralbankgeld mit Bedingungen zu versehen: zeitliche und / oder regionale Begrenzungen, Verwendungszwecke oder differenzierte Zinssätze. Geld würde damit vom neutralen Tauschmittel zum steuerbaren Instrument. Auch wenn solche Funktionen nicht zwingend eingeführt werden müssen, verändert allein ihre Existenz das Machtgefüge. Was möglich ist, wird früher oder später auch politisch diskutiert.

Ein weiteres Risiko liegt in der schleichenden Verdrängung alternativer Geldformen. Wenn staatliches Digitalgeld als effizienter, sicherer oder moderner positioniert wird, geraten Bargeld und andere dezentrale Strukturen unter Druck. Die Vielfalt des Geldsystems nimmt ab, während die Abhängigkeit von zentralen Infrastrukturen steigt.

CBDCs sind daher weder per se gut noch schlecht. Sie sind ein mächtiges Werkzeug. Entscheidend ist nicht die Technologie selbst, sondern der institutionelle Rahmen, in dem sie eingesetzt wird. Ohne klare gesellschaftliche Leitplanken besteht die Gefahr, dass Effizienzgewinne mit einem Verlust an Autonomie erkauft werden – ein Tausch, dessen langfristige Konsequenzen oft erst erkannt werden, wenn Alternativen nicht mehr zur Verfügung stehen.

3.3 Freiheit vs. Bequemlichkeit – eine falsche Gegenüberstellung?

In der öffentlichen Debatte wird der Rückzug des Bargelds häufig als natürlicher Fortschritt dargestellt. Digitale Zahlungen seien schneller, einfacher und komfortabler. Demgegenüber erscheine Bargeld als umständlich und altmodisch. Diese Gegenüberstellung von Freiheit und Bequemlichkeit ist jedoch verkürzt – und in ihrer Wirkung problematisch.

Bequemlichkeit wirkt unmittelbar. Sie spart Zeit, reduziert Reibung und passt sich nahtlos in den digitalen Alltag ein. Freiheit hingegen entfaltet ihren Wert oft erst im Hintergrund. Sie zeigt sich nicht in der reibungslosen Funktion, sondern in der Möglichkeit, Alternativen zu haben. Genau hier liegt der entscheidende Punkt: Freiheit ist weniger sichtbar, aber umso relevanter, wenn Systeme nicht wie vorgesehen funktionieren oder wenn sich Rahmenbedingungen ändern.

Der Verzicht auf Bargeld erfolgt selten als bewusste Entscheidung. Er geschieht schrittweise, oft aus praktischen Gründen. Kontaktloses Bezahlen, mobile Apps und integrierte Zahlungssysteme senken die Hemmschwelle. Gleichzeitig gewöhnt sich die Gesellschaft daran, dass wirtschaftliche Handlungen zunehmend digital erfasst, ausgewertet und gesteuert werden. Was zunächst als Komfortgewinn erscheint, etabliert neue Normalitäten.

Diese Entwicklung beeinflusst auch das Verhältnis zum eigenen Geld. Digitale Zahlungen entkoppeln Konsum von Wahrnehmung. Der physische Akt des Bezahlens verschwindet, Ausgaben werden abstrakt. Studien zeigen, dass Menschen bei bargeldlosen Zahlungen tendenziell mehr ausgeben. Bequemlichkeit verändert damit nicht nur das System, sondern auch das individuelle Verhalten.

Hinzu kommt eine psychologische Komponente: Wer sich an digitale Systeme gewöhnt, empfindet analoge Alternativen zunehmend als störend. Bargeld wird nicht abgeschafft, sondern marginalisiert. Seine Nutzung gilt als Sonderfall. Doch genau in dieser Verschiebung liegt die eigentliche Entscheidung – nicht in Gesetzen, sondern im Alltag.

Freiheit und Bequemlichkeit stehen nicht zwingend im Widerspruch. Problematisch wird es erst, wenn Bequemlichkeit zur Voraussetzung wird und Freiheit zur Ausnahme. Ein Geldsystem, das nur noch einen Weg kennt, mag effizient sein, verliert jedoch an Resilienz und Wahlmöglichkeiten.

Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob digitale Zahlungen erlaubt sein sollen. Sie lautet, ob wir bereit sind, Optionen aufzugeben, deren Bedeutung sich erst dann zeigt, wenn sie fehlen. Freiheit verschwindet selten durch Verbot – sie schwindet durch Gewöhnung.

3.4 Bargeld und Krisenresilienz

Die Stärke eines Systems zeigt sich nicht im Normalbetrieb, sondern im Ausnahmefall. Solange Stromversorgung, Datenverbindungen und Zahlungsinfrastrukturen reibungslos funktionieren, erscheinen digitale Zahlungssysteme überlegen. Doch genau diese Voraussetzungen sind nicht selbstverständlich. Technische Störungen, Cyberangriffe, Naturereignisse oder geopolitische Spannungen können digitale Systeme jederzeit beeinträchtigen. In solchen Situationen gewinnt Bargeld eine Bedeutung, die im Alltag oft unterschätzt wird.

Bargeld ist ein vollständig autarkes Zahlungsmittel. Es funktioniert unabhängig von Strom, Netzwerken oder zentralen Datenbanken. Diese Eigenschaft macht es zu einem zentralen Element der Krisenresilienz. Während digitale Systeme hochgradig effizient, aber auch komplex und störanfällig sind, bleibt Bargeld auch unter widrigen Bedingungen einsatzfähig. Es stellt eine Form von Redundanz dar – ein Prinzip, das in sicherheitskritischen Bereichen als unverzichtbar gilt.

Internationale Beispiele verdeutlichen diese Funktion. Stromausfälle, Systemabstürze oder gezielte Angriffe auf Finanzinfrastrukturen führten in der Vergangenheit wiederholt dazu, dass bargeldlose Zahlungssysteme temporär ausfielen. In solchen Momenten ist Bargeld nicht nur praktisch, sondern existenziell. Es ermöglicht Grundversorgung, Mobilität und Handlungsfähigkeit – unabhängig von zentralen Instanzen.

Auch aus staatlicher Sicht spielt Resilienz eine Rolle. Ein vollständig digitales Geldsystem erhöht die Abhängigkeit von wenigen zentralen Knotenpunkten. Je stärker Zahlungen zentralisiert und standardisiert sind, desto grösser ist das systemische Risiko bei Störungen. Bargeld wirkt diesem Risiko entgegen, indem es Dezentralität in das System einbringt.

In der Schweiz wird Resilienz traditionell hoch gewichtet – sei es in der Energieversorgung, im Katastrophenschutz oder in der Landesverteidigung. Vor diesem Hintergrund erscheint es widersprüchlich, ausgerechnet beim Geldsystem auf ein einziges, vollständig digitales Modell zu setzen. Bargeld ist kein Zeichen von Rückständigkeit, sondern ein Element strategischer Vorsorge.

Ein Geldsystem, das Krisen überstehen soll, benötigt Vielfalt und Redundanz. Digitale Zahlungsmittel können diese Vielfalt ergänzen, aber nicht vollständig ersetzen. Die Frage ist daher nicht, ob Bargeld effizient genug ist, sondern ob wir bereit sind, auf ein bewährtes Sicherheitsnetz zu verzichten – in der Annahme, dass Ausnahmesituationen künftig keine Rolle mehr spielen.

3.5 Bargeld und die Vollgeld-Initiative – Lehren aus einer Schweizer Grundsatzdebatte

Die Diskussion um Bargeld lässt sich in der Schweiz nicht losgelöst von der Vollgeld-Initiative betrachten. Auch wenn diese 2018 deutlich abgelehnt wurde, hat sie eine zentrale Frage ins öffentliche Bewusstsein gerückt: Wer schafft Geld – und unter welchen Bedingungen? Die Initiative machte sichtbar, dass der grösste Teil des Geldes nicht von der Zentralbank, sondern durch Geschäftsbanken in Form von Buchgeld entsteht. Bargeld hingegen blieb davon unberührt.

Bargeld ist bis heute die einzige Geldform, die Bürgerinnen und Bürger direkt als Zentralbankgeld halten können. Es stellt eine unmittelbare Forderung gegenüber der Schweizerischen Nationalbank dar – ohne Intermediär, ohne Kreditrisiko, ohne Abhängigkeit von der Stabilität einzelner Institute. In diesem Sinne verkörpert Bargeld genau jenes Prinzip, das die Vollgeld-Initiative stärken wollte: eine klare Trennung zwischen Geldschöpfung und Kreditvergabe.

Die Ablehnung der Initiative bedeutete nicht, dass ihre Argumente widerlegt wurden. Vielmehr zeigte sich eine breite Skepsis gegenüber einem tiefgreifenden Systemumbau und vor allem einen Erfolg der Medienpropaganda. Gleichzeitig blieb das Grundproblem bestehen: die hohe Abhängigkeit des Geldsystems von privaten Banken und digitalen Buchungssystemen. Bargeld fungiert in diesem Kontext als stiller Gegenpol – als stabiler, staatlich garantierter Anker ausserhalb der Bankbilanzen.

Mit der Debatte um digitale Zentralbankwährungen kehren viele der damaligen Fragen in neuer Form zurück. CBDCs könnten theoretisch jene direkte Beziehung zwischen Zentralbank und Bevölkerung herstellen, die im Rahmen der Vollgeld-Initiative diskutiert wurde. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Ausgestaltung. Während Bargeld anonym, dezentral nutzbar und nicht programmierbar ist, wären digitale Zentralbankwährungen zwangsläufig in technische und regulatorische Systeme eingebettet.

Die Vollgeld-Debatte hat gezeigt, wie sensibel Eingriffe in die Geldordnung sind – und wie wichtig gesellschaftliche Akzeptanz. Vor allem wie sensibel die Lobbygruppen der Banken reagieren. Sie verdeutlicht auch, dass nicht jede technisch mögliche Reform automatisch wünschenswert ist. Bargeld erfüllt viele der Funktionen, die damals gefordert wurden, bereits heute – ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen.

Insofern liefert die Vollgeld-Initiative eine zentrale Lehre für die aktuelle Diskussion: Die Qualität eines Geldsystems bemisst sich nicht nur an Effizienz, sondern an Stabilität, Vertrauen und Freiheitsgraden. Bargeld ist kein Widerspruch zur Modernisierung, sondern ein bewährtes Element einer ausgewogenen Geldordnung.

3.6 Wer entscheidet über die Abschaffung von Bargeld?

Die Abschaffung von Bargeld erfolgt selten durch einen einzelnen politischen Entscheid. Viel häufiger ist sie das Ergebnis eines schleichenden Prozesses, bei dem Verantwortung auf verschiedene Akteure verteilt wird. Politik, Finanzindustrie, Handel und Konsumenten wirken gemeinsam – oft ohne klare Koordination – an einer Entwicklung mit, deren Konsequenzen erst im Rückblick vollständig sichtbar werden.

Aus politischer Sicht wird Bargeld in der Regel nicht offen infrage gestellt. Offizielle Bekenntnisse zu seiner Bedeutung sind weit verbreitet. Gleichzeitig werden Rahmenbedingungen geschaffen, die seine Nutzung zunehmend unattraktiv machen. Regulatorische Anforderungen, steigende Kosten für Bargeldlogistik oder fehlende Verpflichtungen zur Bargeldannahme verschieben die Praxis, ohne formell zu verbieten. Die Entscheidung wird nicht gefällt – sie wird delegiert.

Auch die Finanzindustrie spielt eine zentrale Rolle. Für Banken und Zahlungsdienstleister sind digitale Transaktionen kostengünstiger, datenbasiert auswertbar und besser in bestehende Geschäftsmodelle integrierbar. Bargeld hingegen verursacht Aufwand, Sicherheitskosten und geringe Margen. Entsprechend wird seine Nutzung nicht aktiv gefördert. Was wirtschaftlich unattraktiv ist, verschwindet schrittweise aus dem Angebot.

Der Handel folgt diesen Anreizen. Kontaktlose Zahlungen beschleunigen Prozesse, reduzieren Kassenaufwand und ermöglichen zusätzliche Datennutzung. Bargeld wird toleriert, solange es erwartet wird – nicht, weil es geschätzt wird. Sobald Kunden überwiegend digital bezahlen, kippt die Akzeptanz. Der Markt entscheidet, allerdings innerhalb politisch gesetzter Rahmenbedingungen.

Doch die eigentliche Entscheidung liegt bei den Konsumenten. Jede bargeldlose Zahlung verstärkt die Entwicklung. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit. Die individuelle Entscheidung erscheint unbedeutend, in der Summe entfaltet sie jedoch systemische Wirkung. Bargeld verschwindet nicht, weil es verboten wird, sondern weil es nicht mehr eingefordert wird.

In einer direkten Demokratie wie der Schweiz ist diese Dynamik besonders relevant. Politische Freiheit erfordert aktive Teilhabe. Wird Bargeld als Option nicht mehr genutzt und verteidigt, verliert es seine gesellschaftliche Legitimation. Die Abschaffung erfolgt dann nicht gegen den Willen der Bevölkerung – sondern durch ihre Passivität.

Die Frage, wer über die Zukunft des Bargelds entscheidet, lässt sich daher klar beantworten: Wir alle tun es – täglich, unauffällig und oft ohne es zu merken.

Schlussfolgerung und Ausblick – eine bewusste Entscheidung

Die Diskussion um Bargeld wird oft technisch geführt, gelegentlich moralisch, selten jedoch grundsätzlich. Dabei geht es im Kern nicht um Bezahlgewohnheiten, sondern um die Frage, wie viel Autonomie eine Gesellschaft ihren Bürgerinnen und Bürgern im wirtschaftlichen Alltag zugesteht. Bargeld ist kein Selbstzweck. Es ist eine Option – und genau darin liegt sein Wert.

Die Einführung digitaler Zentralbankwährungen wird das Geldsystem verändern. Diese Entwicklung ist nicht per se negativ. Digitale Innovationen können Effizienzgewinne bringen, Kosten senken und neue Möglichkeiten eröffnen. Problematisch wird es jedoch dort, wo Alternativen verschwinden und Wahlfreiheit durch technische oder politische Vorgaben ersetzt wird. Ein Geldsystem, das nur noch einen zulässigen Weg kennt, ist verwundbar – nicht nur technisch, sondern auch gesellschaftlich.

Bargeld steht für Begrenzung von Macht durch Dezentralität. Es entzieht sich vollständiger Kontrolle, nicht aus Prinzip, sondern aus Funktion. Diese Eigenschaft ist in stabilen Zeiten unscheinbar, in Krisen jedoch entscheidend. Wer Bargeld aufgibt, verzichtet nicht auf Komfort, sondern auf ein Sicherheitsnetz und auf einen stillen Schutzraum wirtschaftlicher Selbstbestimmung.

Die Zukunft des Bargelds wird nicht durch Innovationen entschieden, sondern durch Prioritäten. Freiheit und Bequemlichkeit stehen dabei nicht zwangsläufig im Widerspruch. Doch wenn Bequemlichkeit zur Norm wird und Freiheit zur Ausnahme, verschiebt sich das Gleichgewicht. Dieser Prozess ist leise, schrittweise und schwer rückgängig zu machen.

In der Schweiz bestehen die institutionellen Voraussetzungen, solche Entwicklungen bewusst zu gestalten. Direkte Demokratie bedeutet jedoch mehr als Abstimmungen. Sie erfordert Aufmerksamkeit, Diskussion und Haltung im Alltag. Bargeld bleibt nur dann Teil des Systems, wenn es genutzt, eingefordert und verteidigt wird.

Der erste Schritt ist banal – und zugleich wirkungsvoll: darüber sprechen. Im Freundeskreis, im beruflichen Umfeld, in der Familie. Fragen stellen, Argumente austauschen, Bewusstsein schaffen. Denn Bargeld verschwindet nicht plötzlich. Es verschwindet dann, wenn niemand mehr merkt, dass es fehlt.

Es ist an der Zeit, das Gespräch über Bargeld zu führen – bevor die Freiräume weiter eingeschränkt werden.

Am 8. März kommt die Volksinitiative «Ja zu einer unabhängigen, freien Schweizer Währung mit Münzen oder Banknoten (Bargeld ist Freiheit)» zur Abstimmung. Überlegen Sie sich gut, ob Sie zur Abstimmung gehen und wie Sie abstimmen wollen.

Ein Ja zur Initiative wäre ein starkes Zeichen der Bevölkerung an den Bundesrat.

Denn schlussendlich geht es doch darum, wem wir mehr vertrauen. Der Schweizerischen Nationalbank SNB die das Bargeld schafft oder den gewinnorientierten Geschäftsbanken, von der kleinen Raiffeisenbank bis zur viel zu grossen UBS die das gesamte Buchgeld durch Kreditvergabe schaffen.

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