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„Kriminell, ineffizient, altmodisch?“ – Die Argumente gegen Bargeld im Faktencheck

„Kriminell, ineffizient, altmodisch?“ – Die Argumente gegen Bargeld im Faktencheck

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1. Einleitung – Ausgangslage & Problemstellung

Bargeld steht zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Kaum ein anderes Element unseres alltäglichen Wirtschaftslebens wird derzeit so einseitig problematisiert wie Münzen und Banknoten. Bargeld gilt als anonym, unkontrollierbar, ineffizient – ein Relikt aus einer analogen Vergangenheit, das nicht mehr in eine digitalisierte Welt passe. Politiker, Behörden, Banken und Zahlungsdienstleister argumentieren weltweit in bemerkenswerter Übereinstimmung: Wer Bargeld nutze, erleichtere Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Kriminalität. Digitale Zahlungen hingegen seien transparenter, sicherer, günstiger und moderner.

Diese Erzählung klingt plausibel. Sie appelliert an Sicherheitsbedürfnisse, an Effizienzdenken, Gerechtigkeit und an den Wunsch nach Fortschritt. Doch sie wirft grundlegende Fragen auf: Wenn Bargeld tatsächlich das zentrale Problem wäre, weshalb findet der überwiegende Teil der Geldwäsche nachweislich über das reguläre Finanzsystem statt? Weshalb verursachen digitale Zahlungssysteme trotz Automatisierung hohe Gebühren und wachsende Abhängigkeiten? Und warum soll ausgerechnet ein Zahlungsmittel, das unabhängig von Strom, Netz und Plattformen funktioniert, als rückständig gelten?

Auffällig ist zudem, wie selten über die Nebenwirkungen der Bargeldverdrängung gesprochen wird. Denn jede Zahlung hinterlässt Daten. Jede digitale Transaktion ist speicherbar, auswertbar und potenziell steuerbar. Was als Komfort verkauft wird, bedeutet zugleich den schleichenden Verlust finanzieller Privatsphäre. Bargeld hingegen ermöglicht wirtschaftliche Teilhabe ohne permanente Beobachtung – eine Eigenschaft, die in der aktuellen Debatte kaum noch als Wert anerkannt wird.

Die Abwertung des Bargelds erscheint daher weniger als nüchterne Problemanalyse, sondern vielmehr als politisch und ökonomisch motivierte Narrative. Sie bereitet den Boden für eine stärkere Zentralisierung des Zahlungsverkehrs und für neue Formen der Kontrolle über Geldflüsse und Konsumverhalten. Ob dies tatsächlich im Interesse der Gesellschaft liegt, wird selten offen diskutiert.

Dieser Artikel nimmt die gängigsten Argumente gegen Bargeld unter die Lupe. Nicht ideologisch, sondern faktenbasiert. Ziel ist es, zwischen berechtigter Kritik und vorgeschobenen Begründungen zu unterscheiden – und der Frage nachzugehen, welche Rolle Bargeld in einem stabilen, freiheitlichen und krisenfesten Geldsystem weiterhin spielen könnte.

Analyse der aktuellen Lage

Der Bedeutungsverlust des Bargelds ist kein isoliertes Phänomen, sondern Teil eines internationalen Trends. In vielen Ländern sinkt der Anteil barer Zahlungen seiz Jahren kontinuierlich, während digitale Zahlungsmittel aktiv gefördert werden. Auch in der Schweiz nimmt die Bargeldnutzung im Alltag ab, obwohl Bargeld weiterhin breit akzeptiert und rechtlich als gesetzliches Zahlungsmittel verankert ist. Dieser Rückgang ist weniger das Ergebnis eines natürlichen Auslaufmodells, sondern vielmehr das Resultat gezielter Anreize, regulatorischer Anpassungen und veränderter Rahmenbedingungen im Zahlungsverkehr.

Parallel dazu hat sich der öffentliche Diskurs verschoben. Bargeld wird zunehmend moralisch bewertet. Wer bar bezahlt, gerät unterschwellig in den Verdacht, etwas verbergen zu wollen. Diese Zuschreibung erfolgt oft pauschal und ohne differenzierte Betrachtung der tatsächlichen Ursachen von Finanzkriminalität. Der Fokus richtet sich auf das sichtbare Zahlungsmittel, nicht auf die dahinterliegenden Strukturen des Finanzsystems, über die ein Großteil illegaler Geldströme abgewickelt wird.

Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von privaten Zahlungsinfrastrukturen. Kartennetzwerke, Zahlungs-Apps und digitale Plattformen bündeln Marktmacht und setzen technische sowie finanzielle Standards, denen sich Händler und Konsumenten kaum entziehen können. Effizienzgewinne werden versprochen, doch die realen Kosten und Risiken verlagern sich häufig von den Systembetreibern auf die Nutzer.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die zentrale Frage nicht, ob Digitalisierung sinnvoll ist, sondern wie ein ausgewogenes Zahlungssystem gestaltet sein sollte. Ein System, das Effizienz ermöglicht, ohne Resilienz, Wahlfreiheit und Vertrauen zu opfern. Genau hier setzt der folgende Faktencheck an, indem er die gängigsten Argumente gegen Bargeld systematisch überprüft und in einen breiteren geldpolitischen Zusammenhang einordnet.

3. Hauptteil – Faktencheck der Bargeldkritik

3.1 „Bargeld fördert Geldwäsche und Kriminalität“

Kaum ein Argument wird im Zusammenhang mit Bargeld so häufig bemüht wie jenes der Kriminalitätsbekämpfung. Bargeld, so die gängige Behauptung, ermögliche anonyme Transaktionen und sei daher das bevorzugte Werkzeug für Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung und organisierte Kriminalität. Diese Aussage wirkt auf den ersten Blick plausibel, hält einer näheren Betrachtung jedoch nur eingeschränkt stand.

Empirische Untersuchungen internationaler Organisationen zeigen seit Jahren ein konsistentes Bild: Der überwiegende Teil der Geldwäsche mit hohen Beträgen findet nicht mit Bargeld statt, sondern über das reguläre Finanzsystem. Banken, Zahlungsdienstleister, Briefkastenfirmen, komplexe Unternehmensstrukturen und grenzüberschreitende Kapitalflüsse spielen dabei eine zentrale Rolle. Illegale Gelder werden selten in bar gelagert oder transportiert, ausser ev. aktuell in der Ukraine, sondern möglichst rasch in den digitalen Geldkreislauf eingeschleust, wo sie über Buchungen, Verschachtelungen und internationale Transaktionen verschleiert werden können.

Bargeld weist im Vergleich dazu inhärente Grenzen auf. Es ist physisch, volumenbegrenzt und logistisch aufwendig. Große Bargeldmengen sind schwer zu transportieren, zu lagern und unauffällig zu bewegen. Gerade diese Eigenschaften machen Bargeld für großvolumige Geldwäsche ineffizient. Dass Bargeld dennoch regelmäßig ins Zentrum der Kritik rückt, liegt weniger an seiner tatsächlichen Bedeutung für Finanzkriminalität als an seiner Sichtbarkeit. Bargeld ist greifbar, während digitale Geldströme abstrakt und technisch komplex sind.

Hinzu kommt ein strukturelles Argument: Bargeldtransaktionen hinterlassen keine systemischen Spuren, doch genau diese Eigenschaft macht sie für systematische Geldwäsche unattraktiv. Illegale Gelder müssen früher oder später in den offiziellen Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden – ein Prozess, der nahezu zwangsläufig über Banken und digitale Zahlungssysteme erfolgt. Die Fokussierung auf Bargeld lenkt somit von den eigentlichen Schwachstellen des Finanzsystems ab.

Die Gleichsetzung von Bargeldnutzung mit kriminellem Verhalten ist daher nicht nur sachlich unzutreffend, sondern auch gesellschaftlich problematisch. Sie kriminalisiert legitimes Verhalten und verschiebt die Verantwortung von systemischen Kontrollversäumnissen hin zu einzelnen Zahlungsmitteln.

3.2 „Digitale Zahlungen sind effizienter und günstiger“

Ein weiteres zentrales Argument gegen Bargeld lautet, digitale Zahlungen seien effizienter, schneller und kostengünstiger. Kontaktloses Bezahlen, mobile Apps und automatisierte Abwicklung suggerieren einen technologischen Fortschritt, der zwangsläufig zu geringeren Kosten führen müsse. Doch auch hier zeigt sich bei genauerer Betrachtung ein deutlich differenzierteres Bild.

Zwar reduzieren digitale Zahlungen bestimmte operative Aufwände, etwa im Umgang mit Bargeldlogistik oder Kassenführung. Gleichzeitig entstehen jedoch neue Kosten, die häufig ausgeblendet werden. Jede digitale Zahlung ist in der Regel mit Transaktionsgebühren verbunden, die von Kartenorganisationen, Zahlungsdienstleistern oder Plattformbetreibern erhoben werden. Diese Gebühren mögen für einzelne Zahlungen gering erscheinen, summieren sich jedoch für Händler und Konsumenten zu erheblichen Beträgen. Denn die ganze digitale Infrastruktur hat ja auch ihre Kosten da sie ausfallsicher und damit redundant sein soll.

Gerade kleinere Betriebe geraten dadurch unter Druck. Sie sind faktisch gezwungen, digitale Zahlungsmittel zu akzeptieren, tragen aber die damit verbundenen Kosten und Abhängigkeiten. Bargeldzahlungen hingegen verursachen keine laufenden Transaktionsgebühren pro Zahlung. Die Effizienz digitaler Systeme ist somit stark asymmetrisch verteilt: Sie kommt vor allem den Betreibern der Zahlungsinfrastruktur zugute.

Hinzu treten verdeckte Kosten. Digitale Zahlungssysteme erfordern laufende Investitionen in Hardware, Software, Wartung und Sicherheitsupdates. Systemausfälle, technische Störungen oder Änderungen von Geschäftsbedingungen können den Zahlungsverkehr abrupt beeinträchtigen. Stellen Sie sich eine kleine Alpwirtschaft in den Bergen vor. Die ohne Strom betrieben wird. Diese müsste sich die elektrische und funktechnische Infrastruktur zulegen und digitale Zahlungen entgegen nehmen zu könne. Bargeld hingegen funktioniert unabhängig von Plattformen, Versionen oder Netzwerken.

Effizienz ist daher keine absolute Kategorie, sondern eine Frage der Perspektive. Was aus Sicht großer Zahlungsanbieter effizient erscheint, bedeutet für Nutzer häufig höhere Kosten, geringere Verhandlungsmacht und steigende Abhängigkeit. Die pauschale Darstellung digitaler Zahlungen als günstiger verkennt diese strukturellen Effekte.

3.3 „Digital ist sicherer“

Sicherheit ist ein weiteres Schlüsselargument in der Bargelddebatte. Digitale Zahlungssysteme gelten als geschützt durch Verschlüsselung, Authentifizierung und Betrugsprävention. Bargeld hingegen wird mit Diebstahl, Raub und Verlust assoziiert. Auch dieses Argument greift zu kurz, da es unterschiedliche Formen von Sicherheit vermischt.

Technische Sicherheit bezieht sich auf den Schutz einzelner Transaktionen vor unbefugtem Zugriff. Systemische Sicherheit hingegen beschreibt die Stabilität und Funktionsfähigkeit des gesamten Zahlungssystems unter unterschiedlichen Bedingungen. Digitale Zahlungssysteme mögen technisch ausgefeilt sein, sie sind jedoch hochgradig abhängig von funktionierender Infrastruktur. Stromversorgung, Internetverbindungen, Server, Software und zentrale Abwicklungsstellen müssen jederzeit verfügbar sein.

Bereits kurzfristige Störungen können den Zahlungsverkehr lahmlegen. Cyberangriffe, Softwarefehler oder Netzprobleme sind keine theoretischen Risiken, sondern dokumentierte Ereignisse. In solchen Situationen zeigt sich die Stärke von Bargeld: Es funktioniert unabhängig von technischen Voraussetzungen. Bargeld ist kein Ersatz für digitale Systeme, sondern deren Absicherung.

Zudem verlagert sich das Risiko bei digitalen Zahlungen. Während Bargeldverluste lokal begrenzt sind, können digitale Sicherheitsvorfälle große Nutzergruppen gleichzeitig betreffen. Datenlecks, Identitätsdiebstahl oder systematische Betrugsmodelle entfalten ihre Wirkung gerade durch Skaleneffekte.

Ein resilienter Zahlungsverkehr benötigt daher Vielfalt und Redundanz. Die vollständige Verdrängung von Bargeld zugunsten digitaler Systeme würde die Sicherheit nicht erhöhen, sondern die Verwundbarkeit des Gesamtsystems steigern.

3.4 Bargeld und Privatsphäre

Bargeld ist das letzte allgemein akzeptierte Zahlungsmittel, das wirtschaftliche Transaktionen ohne systematische Datenerfassung ermöglicht. Diese Eigenschaft wird in der öffentlichen Debatte zunehmend als Problem dargestellt, obwohl sie aus rechtsstaatlicher und gesellschaftlicher Perspektive von zentraler Bedeutung ist. Denn Privatsphäre im Zahlungsverkehr ist kein Randthema, sondern eine grundlegende Voraussetzung individueller Freiheit.

Jede digitale Zahlung erzeugt eine Datenspur. Ort, Zeitpunkt, Betrag, Zahlungszweck, Endgerät und beteiligte Akteure werden gespeichert, verknüpft und ausgewertet. Diese Informationen sind wirtschaftlich hoch relevant und bilden die Grundlage datenbasierter Geschäftsmodelle. Zahlungsdaten erlauben detaillierte Rückschlüsse auf Lebensstil, Konsumverhalten, soziale Beziehungen und persönliche Präferenzen. Je umfassender diese Datensätze werden, desto größer ist das Potenzial zur Profilbildung. Firmen wie Palantir erstellen solche Profile und wissen damit oft mehr über die Menschen als diese sich vorstellen können.

Neben der kommerziellen Nutzung tritt die staatliche Dimension. Digitale Zahlungssysteme ermöglichen eine lückenlose Nachvollziehbarkeit finanzieller Aktivitäten. Wer hat was wann wo gekauft? Wer war in der nähe einer bestimmten Veranstaltung, Demonstration etc. Was heute als Mittel zur Kriminalitätsbekämpfung gerechtfertigt wird, kann morgen zur Verhaltenssteuerung oder politischen Kontrolle genutzt werden. Die Geschichte zeigt, dass einmal geschaffene Überwachungsinstrumente selten wieder zurückgenommen werden.

Bargeld setzt hier eine klare Grenze. Es erlaubt wirtschaftliche Teilhabe ohne permanente Beobachtung. Menschen können bezahlen, ohne kategorisiert, bewertet oder in Datenbanken erfasst zu werden. Diese Möglichkeit schützt nicht nur Minderheiten oder besonders schützenswerte Gruppen, sondern alle Bürger gleichermaßen. Sie bewahrt einen Raum wirtschaftlicher Selbstbestimmung, der in einer zunehmend digitalisierten Welt immer kleiner wird.

Die systematische Verdrängung des Bargelds normalisiert vollständige Transparenz im Alltag. Was technisch möglich ist, wird gesellschaftlich akzeptiert. Bargeld erinnert daran, dass Legitimität nicht an totale Nachvollziehbarkeit gebunden ist. Es fungiert als Korrektiv gegen eine Entwicklung, in der Effizienz über Freiheit gestellt wird.

3.5 Exkurs: Bargeld, Buchgeld und die Vollgeld-Initiative

Die Schweizer Vollgeld-Initiative hat eine grundlegende Frage in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion gerückt: Wer schafft Geld, und wer kontrolliert den Zahlungsverkehr? Auch wenn die Initiative 2018 deutlich abgelehnt wurde, hat sie das Bewusstsein für die Struktur des Geldsystems geschärft. In diesem Kontext kommt dem Bargeld eine besondere Bedeutung zu.

Bargeld ist direktes Zentralbankgeld. Es stellt eine Forderung gegenüber der Schweizerischen Nationalbank dar und ist frei von Ausfallrisiken privater Akteure. Buchgeld hingegen entsteht überwiegend durch Kreditvergabe der Geschäftsbanken. Es existiert als bilanzielle Forderung gegenüber einer Bank und ist untrennbar mit deren Stabilität verbunden. Diese Unterscheidung ist für das Verständnis von Vertrauen im Geldsystem zentral.

Mit dem Rückgang des Bargelds verschiebt sich das Gewicht zunehmend in Richtung des privaten Buchgeldes. Zahlungsverkehr, Geldhaltung und Transaktionen werden damit immer stärker an Banken, Zahlungsdienstleister und technische Plattformen gebunden. Der Zugang zum Geld wird an Konten, Identitätsprüfungen und Geschäftsbedingungen geknüpft. Bargeld wirkt diesem Trend entgegen, indem es eine direkte, staatlich garantierte Alternative bereitstellt.

Inhaltlich berührt die Bargelddebatte damit ähnliche Fragen wie die Vollgeld-Initiative: die Trennung von Geld und Kredit, die Rolle der Zentralbank und die Begrenzung privater Macht im Geldsystem. Während die Initiative eine strukturelle Reform anstrebte, erfüllt Bargeld diese Funktion bereits heute in pragmatischer Form. Es ist ein real existierendes Gegengewicht zur vollständigen Privatisierung des Geldes.

Die Abschaffung oder massive Einschränkung des Bargelds würde diese Balance weiter verschieben. Sie würde das Geldsystem homogener, aber auch anfälliger machen. Gerade aus geldpolitischer Sicht ist Vielfalt kein Nachteil, sondern ein Stabilitätsfaktor.

3.6 Macht, Kontrolle und Zentralisierung

Zahlungssysteme sind weit mehr als technische Hilfsmittel. Sie stellen eine zentrale Infrastruktur dar, auf der wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse aufbauen. Wer den Zahlungsverkehr kontrolliert, verfügt über erheblichen Einfluss auf Zugang, Teilhabe und Handlungsspielräume von Individuen und Unternehmen. Die fortschreitende Digitalisierung des Zahlungsverkehrs führt zu einer zunehmenden Konzentration dieser Macht.

Digitale Zahlungssysteme sind in der Regel proprietär. Sie werden von wenigen großen Akteuren betrieben, die Standards setzen, Gebühren bestimmen und Nutzungsbedingungen definieren. Wirtschaftlich heisst so etwas ein Oligopol. Händler und Konsumenten haben kaum Alternativen, wenn sie am Wirtschaftsleben teilnehmen wollen. Diese Abhängigkeit verleiht den Betreibern eine strukturelle Macht, die weit über klassische Marktbeziehungen hinausgeht.

Bargeld entzieht sich dieser Logik. Es ist dezentral, allgemein zugänglich und nicht an Mitgliedschaften, Verträge oder technische Voraussetzungen gebunden. Niemand kann Bargeld sperren, limitieren oder an Bedingungen knüpfen. Ausser es werden wie vor Jahren in Indien gewisse Banknoten aus dem Verkehr gezogen. Gerade diese Eigenschaft macht es aus Sicht zentralisierter Steuerung problematisch. Ein bargeldloses System ist einfacher zu überwachen, zu regulieren und im Extremfall auch zu kontrollieren.

Die politische Attraktivität bargeldloser Systeme liegt daher weniger in ihrer Effizienz als in ihrer Steuerbarkeit. Zahlungsflüsse lassen sich analysieren, lenken und gegebenenfalls unterbrechen. Sanktionen, Einschränkungen oder Verhaltensanreize können direkt über das Zahlungssystem umgesetzt werden. Bargeld bildet hier eine natürliche Grenze. Als Beispiel seien hier Sanktionen der EU gegen in Europa lebende Menschen genannt. Jacques Baud sei hier genannt. Er ist ein in Brüssel lebender Schweizer. Seine Konten sind gesperrt. Geschäftliche Beziehungen mit ihm sind verboten. Wie soll jemand ohne Bargeld in dieser Situation überleben können?

Die Abwertung des Bargelds ist vor diesem Hintergrund nicht wertneutral. Sie legitimiert eine Machtverschiebung im Zahlungsverkehr. Ob diese Entwicklung mit demokratischen, freiheitlichen und rechtsstaatlichen Prinzipien vereinbar ist, sollte offen diskutiert werden – bevor irreversible Entscheidungen getroffen werden.

Schlussfolgerung und Ausblick

Die verbreitete Kritik am Bargeld hält einer nüchternen Überprüfung nur bedingt stand. Weder ist Bargeld der Haupttreiber von Geldwäsche und Kriminalität, noch ist seine Nutzung per se ineffizient oder unsicher. Vielmehr zeigt der Faktencheck, dass viele der vorgebrachten Argumente verkürzt sind und zentrale Zusammenhänge ausblenden. Die eigentlichen Risiken liegen weniger im Zahlungsmittel selbst als in der zunehmenden Konzentration von Macht, Kontrolle und Abhängigkeit im digitalen Zahlungsverkehr.

Bargeld erfüllt Funktionen, die digitale Systeme nicht ersetzen können. Es ist robust, krisenfest und unabhängig von technischer Infrastruktur. Es ermöglicht wirtschaftliche Teilhabe ohne permanente Datenerfassung und wirkt als Gegengewicht zu zentralisierten Zahlungsstrukturen. Gerade in einer Zeit, in der Effizienz und Bequemlichkeit häufig über andere Werte gestellt werden, gerät dieser Beitrag zur Stabilität und Freiheit leicht in Vergessenheit.

Die schrittweise Verdrängung des Bargelds ist daher keine rein technische Entwicklung, sondern eine geldpolitische und gesellschaftliche Weichenstellung. Sie beeinflusst, wie Geld genutzt, kontrolliert und wahrgenommen wird. Ein Zahlungsverkehr, der ausschließlich digital organisiert ist, mag auf den ersten Blick modern erscheinen, er ist jedoch anfälliger für Störungen und eröffnet neue Formen der Steuerung wirtschaftlichen Verhaltens.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob digitale Zahlungsmittel sinnvoll sind – sie sind es zweifellos –, sondern ob sie alternativlos werden sollen. Ein resilientes Geldsystem braucht Vielfalt. Es braucht digitale Effizienz ebenso wie analoge Unabhängigkeit. Und Spekulationsobjekte wie Bitcoin funktionieren auch nur solange wie die technische Infrastruktur im Hintergrund läuft und die entsprechenden Internetverbindungen hergestellt werden können. Bargeld ist kein Hindernis für Fortschritt, sondern ein Stabilitätsanker in einem zunehmend komplexen System.

Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, den eigenen Umgang mit Geld bewusst zu reflektieren. Bargeld weiterhin zu nutzen bedeutet nicht, sich dem Fortschritt zu verweigern, sondern Wahlfreiheit zu erhalten. Ebenso wichtig ist es, das Thema im persönlichen Umfeld anzusprechen. Diskussionen mit Freunden, Bekannten und Kollegen tragen dazu bei, ein Bewusstsein für die langfristigen Folgen scheinbar technischer Entscheidungen zu schaffen. Denn die Frage, wie wir bezahlen, ist letztlich auch eine Frage danach, wie viel Kontrolle wir über unser Geld und unser wirtschaftliches Handeln behalten wollen.

Es ist an der Zeit, das Gespräch über Bargeld zu führen – bevor die Freiräume weiter eingeschränkt werden.

Am 8. März kommt die Volksinitiative «Ja zu einer unabhängigen, freien Schweizer Währung mit Münzen oder Banknoten (Bargeld ist Freiheit)» zur Abstimmung. Überlegen Sie sich gut, ob Sie zur Abstimmung gehen und wie Sie abstimmen wollen.

Ein Ja zur Initiative wäre ein starkes Zeichen der Bevölkerung an den Bundesrat.

Denn schlussendlich geht es doch darum, wem wir mehr vertrauen. Der Schweizerischen Nationalbank SNB die das Bargeld schafft oder den gewinnorientierten Geschäftsbanken, von der kleinen Raiffeisenbank bis zur viel zu grossen UBS die das gesamte Buchgeld durch Kreditvergabe schaffen.

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