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Die Bankbilanzen reduzieren, so geht es in der Praxis

Die Bankbilanzen reduzieren, so geht es in der Praxis

1. Einleitung:

Die Schweiz gilt international als Musterbeispiel für Stabilität. Solide Banken, sichere Währung, tiefe Arbeitslosigkeit und ein scheinbar robuster Immobilienmarkt prägen das Bild. Doch unter dieser Oberfläche hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Entwicklung aufgebaut, über die nur selten offen gesprochen wird: die enorme Ausweitung der Hypothekarverschuldung.

Noch nie waren das Hypothekenvolumen in der Schweiz so hoch wie heute. Gleichzeitig sind Immobilienpreise vielerorts in Regionen vorgedrungen, die für einen großen Teil der Bevölkerung kaum noch finanzierbar erscheinen. Für viele Familien bedeutet Wohneigentum inzwischen nicht mehr Sicherheit und Freiheit, sondern jahrzehntelange Verschuldung. Nicht wenige tragen ihre Hypothek bis weit ins Rentenalter hinein – teilweise mit der stillschweigenden Erwartung, dass sie niemals vollständig zurückbezahlt werden muss.

Doch genau hier beginnt die eigentliche Problematik.

Denn Hypotheken sind nicht einfach nur Kredite zwischen Bank und Kunde. Jede neu vergebene Hypothek vergrößert gleichzeitig die Bilanz der Banken und schafft zusätzliches Buchgeld im Finanzsystem. Je stärker die Hypothekarverschuldung wächst, desto größer werden damit auch die Bankbilanzen und die gesamte Geldmenge im Umlauf. Das heutige System basiert deshalb in hohem Maß auf ständig wachsender Verschuldung.

Die Folgen sind weitreichend. Steigende Immobilienpreise führen zu immer höheren Krediten. Höhere Kredite erzeugen wiederum mehr Geld im System, was die Preise zusätzlich antreibt. Besonders Bodenpreise steigen dadurch oft schneller als Einkommen oder reale Wirtschaftsleistung. Wohneigentum entwickelt sich zunehmend vom Gebrauchsobjekt zur kreditgetriebenen Vermögensanlage.

Gleichzeitig entsteht eine gefährliche Abhängigkeit:
Das System bleibt stabil, solange Immobilienpreise steigen oder zumindest nicht deutlich fallen. Doch was passiert bei dauerhaft höheren Zinsen? Was geschieht, wenn Einkommen stagnieren oder die Nachfrage nach Immobilien nachlässt? Und wie widerstandsfähig ist ein Bankensystem, dessen Bilanzen zu einem großen Teil aus Hypotheken bestehen?

Diese Fragen werden umso wichtiger, weil sich viele Risiken über Jahre schleichend aufgebaut haben. Tiefe Zinsen haben die Verschuldung erleichtert und die Illusion geschaffen, immer höhere Immobilienpreise seien normal oder sogar notwendig. Doch jedes kreditgetriebene Wachstumssystem stößt irgendwann an Grenzen – wirtschaftlich, gesellschaftlich oder demografisch.

Der entscheidende Punkt lautet deshalb nicht mehr, ob Risiken bestehen, sondern wie ein kontrollierter Übergang zu einem stabileren Modell aussehen könnte.

Braucht es strengere Regeln für Banken?
Müssten Hypotheken wieder konsequent amortisiert werden?
Sollte Wohneigentum bis zur Pension grundsätzlich schuldenfrei sein?
Und wäre eine schrittweise Reduktion der Bankbilanzen langfristig sogar gesünder für Wirtschaft und Gesellschaft?

Der folgende Artikel untersucht mögliche Lösungsansätze. Einige davon mögen ungewohnt oder politisch unbequem erscheinen. Doch gerade weil das heutige System so stark von ständig wachsender Verschuldung abhängt, lohnt sich die Diskussion über Alternativen – bevor äußere Entwicklungen zu abrupten und unkontrollierten Veränderungen führen.

2. Analyse der Lage

Das Schweizer Finanzsystem ist heute stärker vom Hypothekarmarkt abhängig als vielen bewusst ist. Ein großer Teil der Bankbilanzen besteht aus Hypotheken auf Wohn- und Renditeliegenschaften. Für Banken gelten diese Kredite seit Jahrzehnten als vergleichsweise sicher: Immobilien dienen als Sicherheit, Zahlungsausfälle waren historisch tief und steigende Immobilienpreise vermittelten zusätzliche Stabilität. Genau diese Entwicklung hat jedoch dazu geführt, dass das gesamte System immer stärker auf weiter steigende Kreditvolumen angewiesen ist.

Dabei wird häufig übersehen, dass Banken Hypotheken nicht einfach aus bestehenden Spareinlagen weiterverleihen. In Wirklichkeit entsteht bei der Kreditvergabe neues Buchgeld. Mit jeder zusätzlichen Hypothek wachsen deshalb gleichzeitig:

  • die Verschuldung der privaten Haushalte,

  • die Geldmenge im Umlauf,

  • die Bilanzsummen der Banken,

  • und indirekt die Nachfrage nach Immobilien.

Dieser Mechanismus wirkt wie ein selbstverstärkender Kreislauf. Steigende Immobilienpreise erfordern höhere Hypotheken. Höhere Hypotheken schaffen zusätzliches Geld. Dieses zusätzliche Geld fließt erneut in den Immobilienmarkt und treibt die Preise weiter an. Besonders bei Bodenpreisen zeigt sich diese Dynamik deutlich: Der Wert vieler Grundstücke steigt heute oft weniger wegen produktiver Nutzung, sondern vor allem aufgrund der höheren Finanzierungsfähigkeit der Käufer.

Dadurch entfernt sich der Immobilienmarkt zunehmend von der realwirtschaftlichen Entwicklung. Während Einkommen, Produktivität und Wirtschaftswachstum nur langsam steigen, wachsen Immobilienpreise und Hypothekarvolumen deutlich schneller. Für jüngere Generationen bedeutet dies eine immer größere Eintrittshürde in den Immobilienmarkt. Ohne hohe Erbschaften oder familiäre Unterstützung wird Wohneigentum vielerorts kaum mehr erreichbar.

Gleichzeitig verändert sich auch die Struktur des Eigentums. Immobilien werden zunehmend als Anlageobjekte betrachtet. Tiefe Zinsen haben dazu geführt, dass große Vermögen verstärkt in Immobilien fließen, weil sichere Alternativen fehlen. Das verstärkt die Preisentwicklung zusätzlich und erhöht die Konzentration von Vermögen bei bestehenden Eigentümern.

Besonders kritisch ist jedoch die langfristige Stabilität des Systems. Viele Hypotheken werden heute faktisch nie vollständig zurückbezahlt. Solange Zinsen tief bleiben und Immobilienpreise steigen, erscheint dies tragbar. Doch genau dadurch bleiben die entsprechenden Geldmengen dauerhaft im Umlauf und die Bankbilanzen wachsen strukturell immer weiter an.

Damit entsteht ein grundlegendes Problem:
Das heutige System benötigt fortlaufend neue Kredite, um stabil zu bleiben. Würde die Kreditvergabe stagnieren oder zurückgehen, hätte dies unmittelbare Auswirkungen auf Immobilienpreise, Bankbilanzen und die allgemeine Wirtschaftsdynamik.

Hinzu kommt die hohe Zinssensitivität vieler Haushalte. Bereits moderate Zinsanstiege können die finanzielle Belastung stark erhöhen. Zwar rechnen Banken bei der Vergabe mit kalkulatorischen Zinssätzen von rund 5 %, doch in der Praxis orientieren sich viele Käufer psychologisch an den tatsächlich tiefen Finanzierungskosten der vergangenen Jahre. Dadurch wurde die Bereitschaft erhöht, immer höhere Kaufpreise zu akzeptieren.

Ein weiteres Risiko liegt in der Bewertung der Immobilien selbst. Gebäude unterliegen realem Verschleiß, technischen Alterungsprozessen und langfristigem Sanierungsbedarf. Trotzdem steigen Marktpreise vieler Objekte oft kontinuierlich an. In vielen Fällen stammt der Wertzuwachs fast ausschließlich aus dem steigenden Bodenpreis – also aus jener Komponente, die besonders stark durch Kreditexpansion beeinflusst wird.

Die heutige Situation erinnert deshalb zunehmend an eine strukturelle Abhängigkeit:

  • Banken benötigen Hypothekenwachstum,

  • steigende Preise benötigen neue Kredite,

  • und viele Eigentümer sind darauf angewiesen, dass das System dauerhaft funktioniert.

Genau darin liegt die eigentliche Verwundbarkeit des Modells. Denn je größer die Verschuldung wird, desto schwieriger wird eine spätere Stabilisierung ohne wirtschaftliche Verwerfungen.

Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob Veränderungen notwendig werden, sondern ob diese kontrolliert und schrittweise erfolgen – oder erst unter dem Druck einer Krise.

3. Hauptteil

3.1 Hypotheken müssen wieder zurückbezahlt werden

Über viele Jahre entwickelte sich in der Schweiz schrittweise ein neues Verständnis von Wohneigentum. Während frühere Generationen oft das Ziel verfolgten, ihr Haus oder ihre Wohnung bis zur Pension vollständig abzubezahlen, gilt heute häufig das Gegenteil als finanziell sinnvoll. Hypotheken bleiben dauerhaft bestehen, werden nur minimal amortisiert oder teilweise sogar bewusst nie vollständig zurückgeführt. Unterstützt wurde diese Entwicklung durch jahrzehntelang tiefe Zinsen, steuerliche Anreize und stetig steigende Immobilienpreise.

Auf individueller Ebene mag dieses Verhalten nachvollziehbar erscheinen. Volkswirtschaftlich erzeugt es jedoch eine problematische Dynamik. Denn jede dauerhaft bestehende Hypothek bedeutet gleichzeitig dauerhaft bestehendes Buchgeld im Finanzsystem. Solange Kredite nicht zurückbezahlt werden, bleiben auch die entsprechenden Geldmengen sowie die aufgeblähten Bankbilanzen bestehen.

Genau dadurch wächst das Finanzsystem über Jahrzehnte immer weiter an. Die Stabilität des Systems hängt zunehmend davon ab, dass bestehende Schulden verlängert und neue Kredite zusätzlich geschaffen werden. Das Risiko verschiebt sich damit in die Zukunft.

Eine mögliche Gegenmaßnahme wäre deshalb die schrittweise Rückkehr zu einer echten Amortisationskultur. Hypotheken würden wieder primär als zeitlich begrenzte Finanzierung betrachtet – nicht als dauerhafte Strukturverschuldung über Generationen hinweg.

Für bestehende Hypotheken könnte eine längere Übergangsphase eingeführt werden. Denkbar wäre beispielsweise eine verpflichtende Mindestamortisation von rund 3 % pro Jahr auf der ursprünglichen Hypothekarsumme. Gleichzeitig müssten Vorfälligkeitsentschädigungen entfallen, damit Eigentümer ihre Schulden flexibel reduzieren können.

Langfristig könnte das Ziel gelten, Wohneigentum spätestens bis zum Renteneintritt weitgehend oder vollständig schuldenfrei zu machen. Dadurch würden nicht nur die Risiken für ältere Haushalte sinken. Auch die Bankbilanzen würden sich über die Jahre schrittweise verkleinern.

Ein solcher Übergang wäre politisch umstritten und kurzfristig bremsend für den Immobilienmarkt. Langfristig könnte er jedoch dazu beitragen, das Finanzsystem weniger abhängig von ständig wachsender Verschuldung zu machen.

3.2 Neue Hypotheken gezielt begrenzen

Die Reduktion bestehender Hypotheken allein würde nicht ausreichen, solange gleichzeitig immer neue und größere Kredite vergeben werden. Entscheidend ist deshalb auch die Frage, unter welchen Bedingungen künftig neue Hypotheken entstehen dürfen.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden steigende Immobilienpreise zunehmend selbst zur Grundlage neuer Kreditvergabe. Je höher die Marktpreise stiegen, desto größere Hypotheken konnten Banken vergeben. Dadurch entstand ein Kreislauf, bei dem steigende Kredite wiederum die Preise weiter nach oben trieben.

Eine mögliche Gegenmaßnahme wäre, neue Hypotheken stärker an reale Investitionen und den tatsächlichen Substanzwert einer Immobilie zu koppeln. Denkbar wäre beispielsweise, dass Banken bei der Finanzierung nur noch Investitionen berücksichtigen dürfen, die innerhalb der letzten zehn Jahre tatsächlich in die Immobilie geflossen sind:

  • energetische Sanierungen,

  • Renovationen,

  • Erweiterungen,

  • technischer Unterhalt,

  • werterhaltende Maßnahmen.

Reine Bodenpreissteigerungen würden dadurch weniger stark kreditfinanziert. Genau diese Bodenpreise sind jedoch in vielen Regionen besonders stark durch die Kreditexpansion der vergangenen Jahre angestiegen.

Zusätzlich könnten strengere Belehnungsvorschriften eingeführt werden. Während heute oft Belehnungen von bis zu 80 % üblich sind, wären langfristig deutlich tiefere Grenzen denkbar – beispielsweise maximal 50 % des Immobilienwerts. Für jüngere Käufer könnten zeitlich begrenzte Ausnahmen gelten, etwa bis 65 %, um den Zugang zu Wohneigentum nicht vollständig zu blockieren.

Das Ziel solcher Maßnahmen wäre nicht die Verhinderung von Wohneigentum, sondern die Begrenzung übermäßiger Kreditdynamik. Immobilienpreise würden sich dadurch langfristig wieder stärker an Einkommen, Ersparnissen und realer Wirtschaftskraft orientieren – statt primär an der maximal verfügbaren Verschuldung.

3.3 Strengere Tragbarkeits- und Amortisationsregeln

Bereits heute prüfen Banken bei der Vergabe einer Hypothek die sogenannte Tragbarkeit. Dabei wird berechnet, ob ein Haushalt die Finanzierung auch dann noch tragen könnte, wenn die Zinsen deutlich höher liegen als zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses. Üblicherweise rechnen Schweizer Banken dafür mit einem kalkulatorischen Zinssatz von rund 5 %, ergänzt um Unterhalts- und Nebenkosten.

Trotz dieser Regeln sind die Immobilienpreise und Hypothekarvolumen in den vergangenen Jahren massiv angestiegen. Der Hauptgrund liegt darin, dass sich viele Käufer psychologisch an den tatsächlich extrem tiefen Zinsen orientierten. Solange Hypotheken über Jahre beinahe kostenlos wirkten, stieg die Bereitschaft, immer höhere Kaufpreise und größere Schulden zu akzeptieren.

Dadurch entstand ein Markt, der stark von dauerhaft günstigen Finanzierungsbedingungen abhängig wurde.

Eine mögliche Gegenmaßnahme wären deutlich strengere Tragbarkeitsregeln. Zusätzlich zum kalkulatorischen Zinssatz könnte künftig auch eine verpflichtende jährliche Amortisation berücksichtigt werden – beispielsweise mindestens 3 % der ursprünglichen Hypothekarsumme pro Jahr.

Damit würde sich die effektive finanzielle Belastung realistischer abbilden lassen. Viele Immobilien wären unter solchen Bedingungen nur noch zu deutlich tieferen Preisen finanzierbar. Genau dies könnte jedoch langfristig stabilisierend wirken.

Denn tiefere Kreditvolumen bedeuten nicht nur geringere Risiken für einzelne Haushalte. Sie reduzieren gleichzeitig auch die Geschwindigkeit, mit der neue Geldmengen und zusätzliche Verschuldung im System entstehen.

Langfristig würden sich Immobilienpreise dadurch wieder stärker an Einkommen, Ersparnissen und realer Wirtschaftskraft orientieren – statt primär an der maximal möglichen Verschuldung der Käufer.

3.4 Immobilien realistischer bewerten

Ein weiterer zentraler Punkt betrifft die Bewertung von Immobilien. In den vergangenen Jahrzehnten entstand zunehmend der Eindruck, Immobilien würden langfristig fast automatisch an Wert gewinnen. Besonders in städtischen Regionen der Schweiz kannten die Preise über lange Zeit praktisch nur eine Richtung: nach oben.

Dabei wird häufig übersehen, dass nicht alle Bestandteile einer Immobilie tatsächlich dauerhaft an Wert gewinnen. Während Boden aufgrund von Lage und Knappheit im Preis steigen kann, unterliegen Gebäude einem natürlichen Alterungsprozess. Dächer, Fassaden, Heizungen, Leitungen oder technische Installationen verlieren mit der Zeit an Wert und verursachen laufenden Erneuerungsbedarf.

Trotzdem werden viele Immobilien heute bilanziell und marktseitig so behandelt, als ob praktisch der gesamte Objektwert dauerhaft steigen würde. Die Folge sind immer höhere Bewertungen, die wiederum größere Hypotheken ermöglichen. Dadurch verstärkt sich die kreditgetriebene Preisdynamik zusätzlich.

Eine mögliche Gegenmaßnahme wäre deshalb eine konservativere und stärker kaufmännisch orientierte Bewertung von Immobilien. Gebäude könnten künftig konsequenter abgeschrieben werden – beispielsweise mit jährlichen Abschreibungssätzen zwischen 2 % und 4 %, abhängig von Bauweise und Zustand.

Gleichzeitig müsste der Bodenwert klarer vom Gebäudewert getrennt werden. Dadurch würde sichtbarer, welcher Teil der Preisentwicklung tatsächlich auf reale Substanz zurückzuführen ist und welcher Teil hauptsächlich durch Kreditexpansion und steigende Nachfrage entsteht.

Für Banken hätte dies ebenfalls Konsequenzen. Vorsichtigere Bewertungen würden automatisch zu tieferen Belehnungen führen und damit das Risiko überhöhter Kreditvergaben reduzieren.

Langfristig könnte eine realistischere Bewertung dazu beitragen, spekulative Übertreibungen abzuschwächen und den Immobilienmarkt wieder stärker an realwirtschaftliche Grundlagen anzunähern.

3.5 Bankenregulierung: Hypothekenwachstum gezielt begrenzen

Neben strengeren Regeln für Kreditnehmer stellt sich auch die Frage nach der Verantwortung der Banken selbst. Denn das heutige System schafft starke Anreize, immer neue Hypotheken zu vergeben. Für Banken sind Hypothekarkredite attraktiv, weil sie als vergleichsweise sicher gelten und über lange Zeit stabile Erträge liefern. Gleichzeitig ermöglichen die regulatorischen Vorgaben, große Hypothekarvolumen mit relativ wenig Eigenkapital zu finanzieren.

Genau dadurch konnten die Bankbilanzen in den vergangenen Jahrzehnten massiv wachsen.

Eine mögliche Gegenmaßnahme wäre deshalb eine deutlich strengere Regulierung des Hypothekargeschäfts. Ein erster Schritt könnte in höheren Risikogewichtungen für Hypotheken bestehen. Banken müssten dadurch mehr Eigenkapital hinterlegen, wenn sie Immobilienkredite vergeben. Das würde die Kreditvergabe automatisch vorsichtiger machen und den Druck zur ständigen Bilanzausweitung reduzieren.

Darüber hinaus wäre auch eine verpflichtende Reduktion bestehender Hypothekarvolumen denkbar. Beispielsweise könnte vorgeschrieben werden, dass jede Bank ihr gesamtes Hypothekarkreditvolumen jährlich um einen bestimmten Prozentsatz reduzieren muss – etwa um mindestens 3 % pro Jahr.

Neue Hypotheken dürften dann nur noch in jenem Umfang vergeben werden, dass die gesamte Hypothekarsumme der jeweiligen Bank trotzdem kontinuierlich sinkt. Damit würde sich die Grundlogik des Systems verändern: Nicht weiteres Wachstum wäre das Ziel, sondern eine kontrollierte und schrittweise Stabilisierung.

Kurzfristig hätte dies bremsende Auswirkungen auf den Immobilienmarkt und auf das Kreditwachstum. Langfristig könnte eine solche Entwicklung jedoch dazu beitragen, die Abhängigkeit des Finanzsystems von immer größerer Verschuldung zu verringern und die Stabilität der Banken nachhaltig zu stärken.

3.6 Bezug zur Vollgeld-Initiative

Die Diskussion über die stetig wachsenden Hypothekarvolumen führt zwangsläufig auch zu einer grundsätzlicheren Frage: Warum können Banken durch Kreditvergabe überhaupt neues Geld schaffen? Genau an diesem Punkt setzte die Vollgeld-Initiative an, über welche die Schweizer Bevölkerung im Jahr 2018 abstimmte.

Die Initiative kritisierte insbesondere, dass Geschäftsbanken bei der Vergabe von Krediten neues Buchgeld erzeugen können. Aus Sicht der Initianten führt dieses System langfristig zu einer strukturellen Ausweitung von Verschuldung, Finanzblasen und immer größeren Bankbilanzen. Besonders der Immobilienmarkt spielt dabei eine zentrale Rolle, weil ein großer Teil der Geldschöpfung über Hypotheken erfolgt.

Tatsächlich zeigt sich gerade im Schweizer Immobilienmarkt deutlich, wie eng Kreditwachstum und Preisentwicklung miteinander verbunden sind. Steigende Immobilienpreise ermöglichen höhere Hypotheken, während höhere Hypotheken gleichzeitig zusätzliche Nachfrage und neues Buchgeld erzeugen. Dadurch entsteht ein Kreislauf, der sich über Jahre selbst verstärken kann.

Die in diesem Artikel beschriebenen Maßnahmen unterscheiden sich zwar vom eigentlichen Vollgeld-Modell. Sie verfolgen jedoch teilweise ein ähnliches Ziel: die Abhängigkeit der Wirtschaft von ständig wachsender Kreditvergabe zu reduzieren.

Während die Vollgeld-Initiative direkt bei der Geldschöpfung ansetzen wollte, konzentrieren sich die hier diskutierten Ansätze stärker auf die Begrenzung der Hypothekarverschuldung und die Verkleinerung der Bankbilanzen. Beide Sichtweisen basieren jedoch auf derselben grundlegenden Erkenntnis: Ein Finanzsystem, das dauerhaft auf immer höheren Schulden basiert, wird langfristig zunehmend instabil.

Auch wenn die Vollgeld-Initiative politisch scheiterte, bleibt die zugrunde liegende Fragestellung aktuell. Denn die Risiken hoher Verschuldung, steigender Immobilienpreise und wachsender Bankbilanzen bestehen weiterhin – und dürften mit zunehmender Größe des Systems weiter an Bedeutung gewinnen.

4. Schlussfolgerung und Ausblick

Die Schweiz hat in den vergangenen Jahrzehnten einen enormen Anstieg der Hypothekarverschuldung erlebt. Parallel dazu wuchsen Immobilienpreise, Bankbilanzen und die Abhängigkeit der Wirtschaft von ständig neuer Kreditvergabe. Was lange als Zeichen von Wohlstand und Stabilität erschien, könnte sich langfristig jedoch zunehmend als strukturelle Verwundbarkeit erweisen.

Denn jedes kreditgetriebene System trägt einen inneren Zwang zum Wachstum in sich. Solange immer neue Hypotheken vergeben werden, steigen Geldmenge, Immobilienpreise und Verschuldung weiter an. Genau dadurch entstehen jedoch auch immer größere Risiken – für Haushalte, Banken und letztlich für die gesamte Volkswirtschaft.

Die in diesem Artikel vorgestellten Maßnahmen mögen teilweise ungewohnt oder politisch schwer durchsetzbar erscheinen:

  • konsequentere Amortisation von Hypotheken,

  • strengere Belehnungs- und Tragbarkeitsregeln,

  • realistischere Immobilienbewertungen,

  • höhere Eigenkapitalanforderungen für Banken,

  • sowie eine kontrollierte Reduktion der Hypothekarvolumen.

Doch gerade weil diese Vorschläge gegen die heutige Wachstumslogik gerichtet sind, könnten sie langfristig stabilisierend wirken. Ziel wäre nicht ein abrupter Zusammenbruch des Immobilienmarktes, sondern ein langsamer Übergang zu einem weniger schuldenabhängigen System.

Natürlich hätte ein solcher Wandel auch Nebenwirkungen. Kurzfristig könnten Immobilienpreise stagnieren oder sinken. Banken würden langsamer wachsen. Kreditfinanzierte Vermögensgewinne würden schwieriger erreichbar. Gleichzeitig könnten jedoch langfristig genau jene Entwicklungen entstehen, die heute für viele Menschen kaum mehr erreichbar scheinen:

  • erschwinglicheres Wohneigentum,

  • geringere Verschuldung,

  • stabilere Haushaltsfinanzen,

  • und ein robusteres Finanzsystem.

Besonders wichtig ist dabei die gesellschaftliche Diskussion. Über das heutige Geld- und Hypothekarsystem wird oft nur innerhalb enger wirtschaftlicher Denkrahmen gesprochen. Viele Mechanismen gelten als alternativlos, obwohl sie politische und regulatorische Entscheidungen widerspiegeln.

Doch jede Ordnung kann verändert werden, wenn genügend Menschen beginnen, ihre Grundlagen kritisch zu hinterfragen.

Deshalb sollte die Debatte nicht erst dann geführt werden, wenn steigende Zinsen, wirtschaftliche Probleme oder sinkende Immobilienpreise das System unter Druck setzen. Je früher mögliche Lösungen diskutiert werden, desto größer ist die Chance auf einen kontrollierten und sozial verträglichen Übergang.

Sprechen Sie deshalb mit Freunden, Familie oder Arbeitskollegen über diese Fragen:

  • Soll Wohneigentum dauerhaft verschuldet bleiben?

  • Wie gesund ist ein System, das ständig neue Kredite benötigt?

  • Können Immobilienpreise ewig schneller steigen als Einkommen und BIP?

  • Und wie stabil ist ein Finanzsystem, dessen Geldschöpfung primär über Hypotheken erfolgt?

Die Antworten auf diese Fragen werden entscheidend dafür sein, wie stabil und generationengerecht das Schweizer Finanzsystem in Zukunft tatsächlich sein wird.

Wie kann das Geldvermögen reduziert werden?

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