Psychologische Komponente beim Freigeld – Warum diese hohe Umlaufgeschwindigkeit?
1. Einleitung:
Was passiert mit einer Wirtschaft, wenn Geld plötzlich nicht mehr ausgegeben wird? Wenn jeder versucht zu sparen, während gleichzeitig immer mehr Menschen ihre Arbeit verlieren?
Diese Frage ist keine theoretische Überlegung, sondern war bittere Realität in den 1930er-Jahren. Die kleine Tiroler Gemeinde Wörgl mit rund 4’200 Einwohnern stand damals exemplarisch für eine Entwicklung, die ganze Volkswirtschaften erfasste: steigende Arbeitslosigkeit, dadurch sinkende Nachfrage und eine alles lähmende Deflation.
Rund 400 Menschen waren ohne Arbeit, davon etwa 200 sogenannte Ausgesteuerte – Personen also, für die keine staatliche Unterstützung mehr vorgesehen war. Genau für diese Menschen und ihre Familien musste die Gemeinde Wörgl Verantwortung übernehmen. Doch wie sollte das gelingen, wenn gleichzeitig die Gemeindekasse leer und die Steuerausstände hoch waren?
Denn das eigentliche Problem lag tiefer: Der Schilling verschwand zunehmend aus dem Alltag. Nicht, weil er nicht existierte – sondern weil er zurückgehalten wurde. Wer noch über Geld verfügte, gab es nur im Notfall aus. Zu groß war die Angst, dass die Zukunft noch unsicherer werden könnte.
So entstand ein paradoxes Bild:
Auf der einen Seite Menschen ohne Einkommen, die dringend Geld zum Überleben benötigten.
Auf der anderen Seite vorhandenes Geld, das nicht zirkulierte. Und drittens Menschen die Arbeiten wollten, aber mangels zirkulierendem Geld keine Arbeit fanden.
Die Folge war ein wirtschaftlicher Stillstand. Arbeit gab es genug – doch sie wurde nicht bezahlt. Bedürfnisse waren vorhanden – doch sie konnten nicht befriedigt werden.
In genau dieser Situation entschied sich der Gemeinderat von Wörgl unter dem Bürgermeister Michael Unterguggenberger für einen ungewöhnlichen Schritt: Sie führte ein eigenes Zahlungsmittel ein, das sogenannte Freigeld nach Silvio Gesell.
Dieses Geld sollte ein Problem lösen, das weit über fehlende Liquidität hinausging: die psychologische Blockade im Umgang mit Geld.
Doch warum funktionierte dieses System so überraschend gut?
Warum wurde Freigeld schneller ausgegeben als der herkömmliche Schilling?
Und was verrät dieses Verhalten über die eigentlichen Mechanismen unseres Geldsystems?
Die Antworten darauf führen mitten in das Zusammenspiel von Angst, Anreizen und menschlichem Verhalten – und zeigen, dass Geld weit mehr ist als nur ein neutrales Tauschmittel.
2. Analyse der Ausgangslage
Die wirtschaftliche Situation in Wörgl war kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer umfassenden deflationären Krise. Preise begannen zu fallen, Unternehmen verkauften weniger, und infolgedessen wurden Arbeitskräfte entlassen. Mit jeder Kündigung sank wiederum die Kaufkraft – ein sich selbst verstärkender Abwärtskreislauf.
In Wörgl bedeutete dies konkret: Die Cellulosefabrik und das Zementwerk waren geschlossen. Rund 400 Menschen waren ohne Arbeit. Besonders kritisch war die Lage für etwa 200 Ausgesteuerte und ihre Familien, die keinerlei staatliche Unterstützung mehr erhielten und somit vollständig auf die Gemeinde angewiesen waren. Diese stand vor einem scheinbar unlösbaren Problem: steigende soziale Verpflichtungen bei gleichzeitig sinkenden Einnahmen.
Denn auch auf Seiten der Gemeinde machte sich die Krise bemerkbar. Steuereinnahmen gingen zurück, während gleichzeitig notwendige Ausgaben – etwa für Infrastruktur oder soziale Unterstützung – nicht einfach gestrichen werden konnten. Es entstand ein strukturelles Ungleichgewicht, das mit herkömmlichen Mitteln kaum zu lösen war.
Das zentrale Problem lag jedoch nicht allein im Mangel an Arbeit oder Ressourcen. Straßen mussten gebaut, Gebäude instand gehalten und Dienstleistungen erbracht werden. Arbeit war also vorhanden – ebenso wie Bedürfnisse in der Bevölkerung.
Was fehlte, war ein funktionierendes Bindeglied: umlaufendes Geld.
Der Schilling erfüllte diese Funktion in der Krise nur noch eingeschränkt. Aus Angst vor weiter fallenden Preisen und unsicheren Zukunftsaussichten hielten sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen ihr Geld zurück. Jede Ausgabe wurde auf das Notwendigste reduziert. Investitionen wurden aufgeschoben, der Konsum eingeschränkt.
Diese Zurückhaltung war aus individueller Sicht rational. Wer befürchten musste, morgen weniger Einkommen zu haben, versuchte, seine Reserven zu schützen. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene jedoch führte genau dieses Verhalten zu einer Verschärfung der Krise.
Denn jeder nicht ausgegebene Schilling fehlte einem anderen als Einkommen. Jeder aufgeschobene Kauf bedeutete weniger Umsatz, weniger Produktion und letztlich weitere Arbeitslosigkeit.
So entstand eine klassische Deflationsspirale:
Weniger Ausgaben führten zu weniger Einkommen, was wiederum zu noch weniger Ausgaben führte.
In dieser Situation zeigte sich eine entscheidende Erkenntnis:
Nicht die Menge des vorhandenen Geldes war das Hauptproblem – sondern dessen Umlaufgeschwindigkeit.
Der Schilling war vorhanden, doch er bewegte sich nicht.
Genau hier setzte die Überlegung an, ein Geldsystem zu schaffen, das nicht zum Zurückhalten, sondern zum Weitergeben motiviert. Ein System, das die psychologische Logik der Krise durchbricht und den Geldfluss wieder in Gang bringt.
Die Ausgangslage war damit klar umrissen:
Eine Wirtschaft mit vorhandener Arbeitskraft und realen Bedürfnissen – aber blockiert durch ein Geld, das seine zentrale Funktion, den Austausch zu ermöglichen, nicht mehr erfüllte.
3. Hauptteil:
3.1. Wer gibt Freigeld weiter – und warum?
Die entscheidende Dynamik des Freigeldes beginnt bei denjenigen, die es als Erste erhalten. In Wörgl waren dies vor allem die rund 200 Ausgesteuerten und ihre Familien, für die die Gemeinde direkt verantwortlich war. Sie erhielten wöchentliche Auszahlungen in Form von Freigeld. Im weiteren rund 100 ehemalige Arbeitslose, die die Gemeinde Wörgl zusätzlich beschäftigte um Infrastrukturarbeiten ausführen zu können.
Für diese Menschen stellte sich keine strategische Frage im Umgang mit dem Geld. Ihre Situation war von unmittelbarer Not geprägt. Wer kaum über Reserven verfügt, verwendet jeden erhaltenen Schilling für das Nötigste: vor allem Lebensmittel, dann irgendwann Kleidung oder andere Güter des täglichen Bedarfs.
Das Freigeld wurde daher nicht gehortet, sondern unmittelbar wieder ausgegeben. Es floss direkt in die lokalen Geschäfte – zu Bäckern, Milchhändlern oder Metzgern. Die Umlaufbewegung begann somit nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit. Und zwar sehr schnell.
Anders sah die Situation bei jenen aus, die über ausreichend Schilling verfügten. Für sie bestand grundsätzlich die Möglichkeit, Freigeld zurückzuhalten. Doch genau hier setzte die Konstruktion des Systems an. Allerdings ist dies wohl eine eher theoretische Frage, denn es gab kaum jemand mehr der sich diesen Luxus leisten konnte.
Freigeld war mit einer monatlichen Haltegebühr von 1% verbunden. Wer es behielt, verlor schrittweise etwas an Kaufkraft. Alternativ fiel beim Umtausch in reguläre Schilling eine Gebühr von 2 % an.
Diese beiden Mechanismen veränderten das Verhalten grundlegend. Während herkömmlicher Schilling in Krisenzeiten aus Vorsicht gehortet wurde, entstand beim Freigeld ein gegenteiliger Anreiz: Halten bedeutete sicheren Verlust.
Die Folge war eine klare Prioritätensetzung. Selbst wirtschaftlich besser gestellte Akteure versuchten, Freigeld möglichst schnell weiterzugeben – sei es durch Einkäufe, Lohnzahlungen oder die Begleichung der vielen offenen offener Rechnungen.
Damit trafen zwei Kräfte aufeinander, die in die gleiche Richtung wirkten:
Notwendigkeit bei den Erstempfängern
Kostenvermeidung bei allen anderen
Diese Kombination führte dazu, dass Freigeld kaum je liegen blieb. Es wurde nicht angesammelt oder gehörtet, sondern permanent weitergereicht.
Genau hier liegt der Kern der hohen Umlaufgeschwindigkeit:
Nicht moralische Appelle oder wirtschaftliche Theorien bestimmten das Verhalten, sondern klare, unmittelbare Anreize – verstärkt durch die reale Lebenssituation der Beteiligten.
3.2. Inverkehrbringung und Freigeld-Kreislauf
Der Erfolg des Freigeldes in Wörgl beruhte nicht allein auf seiner Konstruktion, sondern auf der Art und Weise, wie es in Umlauf gebracht wurde. Entscheidend war ein klar strukturierter Kreislauf, der sich unmittelbar an den realen Bedürfnissen der Bevölkerung orientierte.
Den Ausgangspunkt bildete die Gemeinde selbst. Sie gab das Freigeld gezielt an jene rund 200 Ausgesteuerten aus. Hinzu kamen rund 100 ehemals Arbeitslose, sodass insgesamt etwa 300 Familien regelmäßig mit Freigeld entlohnt wurden. Damit gelangte das Geld genau dorthin, wo es mit höchster Wahrscheinlichkeit sofort wieder ausgegeben wurde.
Der nächste Schritt erfolgte nahezu automatisch. Die Empfänger verwendeten das Freigeld für den Kauf von Grundnahrungsmitteln – denn genau daran mangelte es zuerst. Brot, Kartoffeln, Milchprodukte sowie Fleisch und Speck standen im Zentrum der Nachfrage. Diese Güter deckten nicht nur das Überleben, sondern bildeten zugleich die Basis für jede weitere wirtschaftliche Aktivität.
Für die lokalen Geschäfte bedeutete dies eine spürbare Belebung. Bäckereien verzeichneten schlagartig deutlich höhere Umsätze und benötigten sofort mehr Mehl sowie zusätzliche Arbeitskräfte. Milchläden mussten ihre Liefermengen erhöhen, und auch Metzgereien reagierten mit einer Ausweitung ihres Angebots. Die Landwirte konnten ihre Produkte wieder absetzen.
Damit setzte sich der Kreislauf fort. Die Betriebe konnten ihre Angestellten zumindest teilweise in Freigeld entlohnen und ihre Lieferanten entsprechend bezahlen. So breitete sich das Freigeld schrittweise über die gesamte lokale Wirtschaft von Wörgl aus. Es blieb nicht auf einen kleinen Kreis beschränkt, sondern durchdrang zunehmend alle wirtschaftlichen Ebenen der Gemeinde.
Ein weiterer zentraler Punkt war der Rückfluss zur Gemeinde. Steuern und Abgaben konnten ebenfalls in Freigeld beglichen werden. Dadurch kehrte ein Teil des ausgegebenen Geldes wieder zum Ursprung zurück. Für die Gemeinde hatte dies einen doppelten Effekt: Einerseits stabilisierte sich ihre finanzielle Situation, andererseits entstanden buchhalterisch reale Einnahmen, die zuvor ausgefallen waren.
Darüber hinaus eröffnete das System eine zusätzliche Möglichkeit: Offene Rechnungen und bestehende Schulden konnten nach und nach beglichen werden. Was zuvor aufgrund fehlender Liquidität unmöglich war, wurde nun wieder realisierbar.
So entstand ein geschlossener lokaler Wirtschaftskreislauf, der sich selbst stabilisierte. Jeder ausgegebene Freigeld-Schilling wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit mehrfach weitergereicht, bevor er zur Gemeinde zurückkehrte.
Der entscheidende Unterschied zum herkömmlichen Geldsystem lag dabei nicht in der Existenz des Geldes, sondern in dessen Bewegung. Während der normale Schilling in der Krise zunehmend stagnierte, blieb das Freigeld permanent in Umlauf – angetrieben durch konkrete Bedürfnisse, lokale Strukturen und gezielte Anreize.
3.3. Die eigentliche Triebkraft: Psychologie statt Technik
Auf den ersten Blick scheint der Erfolg des Freigeldes vor allem auf seiner technischen Konstruktion zu beruhen – auf Haltegebühren, Umtauschkosten und klar definierten Umlaufregeln. Doch diese Sicht greift zu kurz. Entscheidend war nicht die Technik allein, sondern die Wirkung dieser Regeln auf das Verhalten der Menschen.
In der deflationären Krise dominierte ein zentrales Gefühl: Unsicherheit. Einkommen brachen weg, Arbeitsplätze gingen verloren, und die Zukunft erschien unberechenbar. In einem solchen Umfeld verändert sich der Umgang mit Geld grundlegend. Der Schilling wurde nicht mehr als Tauschmittel genutzt, sondern als Sicherheitsreserve zurückgehalten. Wer konnte, sparte – selbst wenn dies bedeutete, auf Konsum zu verzichten.
Dieses Verhalten war aus individueller Sicht nachvollziehbar, führte gesamtwirtschaftlich jedoch zu einer Blockade. Jeder zurückgehaltene Schilling fehlte an anderer Stelle als Einkommen. Die Wirtschaft kam ins Stocken, obwohl Bedarf und Arbeitskraft vorhanden waren.
Genau hier setzte das Freigeld an. Durch die monatliche Haltegebühr von 1 % wurde das gewohnte Verhalten gezielt unattraktiv gemacht. Geld zu behalten bedeutete nun einen sicheren, kontinuierlichen Verlust. Zusätzlich verteuerte die Umtauschgebühr von 2 % den Rückweg in den Schilling.
Damit kehrte sich die psychologische Logik um. Was zuvor als klug galt – das Zurückhalten von Geld – wurde nun nachteilig. Stattdessen entstand ein klarer Anreiz, das Freigeld möglichst rasch wieder auszugeben.
Diese Veränderung wirkte auf alle Beteiligten. Die Empfänger mussten das Geld ausgeben, um ihre Grundbedürfnisse zu decken. Händler und Dienstleister wiederum waren bestrebt, es schnell weiterzugeben, um Wertverluste zu vermeiden.
So entstand eine Dynamik, die nicht durch Zwang, sondern durch individuelle Entscheidungen getragen wurde. Jeder handelte im eigenen Interesse – und genau dadurch wurde das Geld ständig in Bewegung gehalten.
Die hohe Umlaufgeschwindigkeit des Freigeldes war somit kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielt gesetzter Anreize, die tief in der menschlichen Psychologie verankert sind. Sie zeigen, dass Geld nicht nur ein wirtschaftliches Instrument ist, sondern immer auch ein Spiegel unseres Verhaltens unter Unsicherheit.
3.4. Bezug zur Vollgeld-Initiative
Die Diskussion um alternative Geldsysteme stellt immer wieder die Frage, wo die eigentlichen Schwächen des bestehenden Systems liegen. Die Vollgeld-Initiative in der Schweiz setzte dabei vor allem bei der Geldschöpfung an. Ihr Ziel war es, die Erzeugung von Geld stärker zu kontrollieren und unabhängiger vom Bankensystem zu gestalten.
Das Beispiel von Wörgl zeigt jedoch, dass ein zentrales Problem nicht nur in der Entstehung von Geld liegt, sondern in dessen Verwendung. Denn selbst ein stabil geschaffenes Geld erfüllt seine Aufgabe nur dann, wenn es auch tatsächlich im Umlauf bleibt.
In der Krise wurde deutlich: Der Schilling war vorhanden, doch er wurde nicht genutzt. Die Ursache lag nicht in seiner Menge, sondern im Verhalten der Menschen. Unsicherheit führte dazu, dass Geld gehortet und damit dem Wirtschaftskreislauf entzogen wurde.
Hier setzt das Freigeld einen anderen Schwerpunkt. Es beeinflusst nicht primär die Geldschöpfung, sondern die Umlaufdynamik. Durch gezielte Anreize wird sichergestellt, dass Geld nicht liegen bleibt, sondern kontinuierlich weitergegeben wird.
Damit ergänzen sich beide Ansätze in gewisser Weise. Während Vollgeld auf Stabilität in der Entstehung abzielt, adressiert Freigeld die Stabilität im Umlauf.
Die zentrale Frage bleibt daher: Reicht es aus, die Quelle des Geldes zu reformieren – oder muss auch sein Verhalten im Alltag aktiv gestaltet werden?
3.5. Regionale Bindung durch die Ausstiegsgebühr
Ein oft unterschätzter Effekt des Freigeldes lag in seiner starken regionalen Bindung. Diese wurde maßgeblich durch die sogenannte Ausstiegsgebühr von 2 % geprägt, die beim Umtausch in Schilling anfiel.
Diese Gebühr wirkte wie eine natürliche Barriere: Wer Freigeld in reguläre Schilling tauschen wollte, musste einen direkten Verlust in Kauf nehmen. Dadurch wurde der Anreiz deutlich erhöht, das Geld innerhalb der Gemeinde weiterzugeben, anstatt es aus dem lokalen Kreislauf abzuziehen.
Für die Beteiligten bedeutete dies eine klare Abwägung. Solange sich Ausgaben innerhalb von Wörgl tätigen ließen, war es wirtschaftlich sinnvoller, das Freigeld direkt zu verwenden. Erst wenn keine Alternative bestand, wurde ein Umtausch in Kauf genommen.
Die Folge war eine verstärkte Konzentration der wirtschaftlichen Aktivität auf die Region. Lokale Geschäfte profitierten unmittelbar, da Kaufkraft nicht nach außen abfloss, sondern im Ort verblieb. Jeder ausgegebene Schilling stärkte somit mehrfach die regionale Wirtschaft.
Das Freigeld wirkte dadurch nicht nur als Beschleuniger des Geldumlaufs, sondern auch als Schutzmechanismus für die lokale Wertschöpfung. Es band die Kaufkraft an die Gemeinde und förderte gezielt den inneren Wirtschaftskreislauf.
Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit erwies sich dieser Effekt als entscheidend. Denn Stabilität entstand nicht nur durch Bewegung, sondern auch durch die gezielte Verankerung des Geldes dort, wo es seine Wirkung unmittelbar entfalten konnte.
4. Schlussfolgerung und Ausblick
Das Beispiel von Wörgl zeigt eindrücklich, dass wirtschaftliche Krisen nicht allein durch fehlende Ressourcen entstehen, sondern oft durch blockierte Prozesse. Arbeit war vorhanden, Bedürfnisse ebenso – doch der Schilling erfüllte seine Aufgabe als Tauschmittel nur noch unzureichend.
Erst durch das Freigeld wurde dieser Kreislauf wieder in Gang gesetzt. Nicht, weil plötzlich mehr Geld vorhanden war, sondern weil sich das Verhalten im Umgang damit veränderte. Die Kombination aus Haltegebühr und Ausstiegskosten schuf klare Anreize, Geld nicht zu horten, sondern weiterzugeben.
Damit wurde ein zentraler Mechanismus sichtbar:
Die Stabilität einer Wirtschaft hängt nicht nur von der Geldmenge ab, sondern entscheidend von deren Umlaufgeschwindigkeit.
Gerade in unsicheren Zeiten neigen Menschen dazu, sich rational zu verhalten – und genau dieses rationale Verhalten kann gesamtwirtschaftlich destruktiv wirken. Das Freigeld durchbrach diese Dynamik, indem es individuelle Anreize so setzte, dass sie dem Gemeinwohl dienten.
Für die heutige Zeit ergibt sich daraus eine zentrale Erkenntnis:
Ein funktionierendes Geldsystem muss nicht nur technisch stabil sein, sondern auch die richtigen Verhaltensanreize schaffen.
Unkonventionelle Ansätze wie das Freigeld mögen auf den ersten Blick ungewohnt erscheinen. Doch sie zeigen, dass es Alternativen gibt, die gezielt auf die Schwachstellen bestehender Systeme reagieren.
Die entscheidende Frage bleibt daher offen:
Wie müsste ein modernes Geldsystem gestaltet sein, damit es auch in Krisenzeiten stabil funktioniert und den Wirtschaftskreislauf aufrechterhält?
Diese Frage betrifft uns alle. Denn Geld ist kein abstraktes Konstrukt – es bestimmt unseren Alltag, unsere Entscheidungen und letztlich die Entwicklung unserer Gesellschaft.
Sprechen Sie darüber. Hinterfragen Sie bestehende Strukturen. Und bringen Sie diese Ideen in Ihr Umfeld ein.
Denn Veränderungen beginnen selten im System selbst – sondern im Bewusstsein der Menschen, die es nutzen.
Für eine dem Menschen dienende Zukunft benötigen wir einfach verschiedene Quellen für ein funktionierendes Geldsystem:
Geldschöpfung vom Vollgeld.
Umlaufsicherung vom Wörgl'er Freigeld.
Dann wird noch eine Lösung benötigt, um sparen zu können, ohne der Realwirtschaft zu schaden.
Dies behandeln wir in einem der folgenden Artikel.

