0. Abstrakt
„Lassen Sie Ihr Geld arbeiten“ klingt selbstverständlich. Doch was bedeutet es tatsächlich, wenn Geld Zinsen und Renditen erwirtschaften soll? Der Artikel stellt Geld dem Beispiel Getreide gegenüber. Getreide wächst durch reale Arbeit, benötigt Pflege, Wasser und Boden und verursacht nach der Ernte weitere Kosten für Trocknung und Lagerung. Geld dagegen kann durch Zinsen wachsen, ohne selbst einen realen Produktionsprozess zu durchlaufen.
Der Artikel untersucht, welche Folgen diese Logik für Geldwert, Inflation und Vermögensverteilung hat. Wer viel Kapital besitzt, kann von Zinseinnahmen profitieren, während Kreditnehmer die entsprechenden Kosten tragen. Daraus entstehen Fragen zur langfristigen Stabilität und zur Verteilung von Vermögen.
Als mögliche Alternativen werden fliessendes Geld und die Schweizer Vollgeld-Idee vorgestellt. Beide Ansätze setzen an unterschiedlichen Stellen des Geldsystems an.
Die zentrale Frage lautet: Soll Geld sich selbst vermehren – oder soll es vor allem als stabiles Werkzeug der Wirtschaft und der Menschen dienen?
1. Einleitung
„Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten.“ Diesen Satz hören wir häufig, wenn es um Sparen, Investieren und Vermögensaufbau geht. Geld soll Rendite bringen, Zinsen erwirtschaften und sich möglichst von selbst vermehren. Doch was bedeutet es eigentlich, wenn Geld „arbeitet“?
Vergleichen wir Geld einmal mit Getreide. Ein Bauer sät Weizen aus und erwartet eine Ernte. Doch bis dahin liegt viel Arbeit vor ihm: Der Boden wird vorbereitet, die Saat ausgebracht, der Bestand gepflegt, Unkraut bekämpft und schliesslich geerntet. Auch nach der Ernte bleibt Aufwand. Der Weizen muss trocken sein und fachgerecht gelagert werden. Lagerraum kostet Geld, ebenso die Kontrolle und der Erhalt der Qualität.
Getreide kann also wachsen – doch dieses Wachstum hat Voraussetzungen und verursacht Kosten.
Beim Geld scheint die Welt auf den ersten Blick auf dem Kopf zu stehen. Wer Geld besitzt, kann es verleihen und dafür einen Zins verlangen. Das Geld „arbeitet“ dann angeblich für seinen Besitzer. Doch woher kommt dieser zusätzliche Wert? Wer erwirtschaftet den Zins? Und welche Auswirkungen entstehen, wenn immer mehr Geld nach Rendite sucht?
Hier beginnt eine spannende Betrachtung unseres heutigen Geldsystems. Denn Zins und Geldwert hängen eng zusammen. Während Vermögen wachsen soll, kann gleichzeitig die Kaufkraft des Geldes sinken. Was für den Einzelnen als vernünftige Geldanlage erscheint, kann auf gesamtwirtschaftlicher Ebene eine ganz andere Wirkung entfalten.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, einen vertrauten Grundsatz zu hinterfragen: Soll Geld tatsächlich arbeiten wie Getreide – oder sollte Geld vor allem stabil seinen Dienst als Tauschmittel und Wertmassstab erfüllen?
Die Antwort darauf führt direkt zu einer grundlegenden Frage: Wem dient unser Geldsystem – und wem nützt es?
2. Analyse der Lage
Unser heutiges Geldsystem verbindet Geldbesitz eng mit der Erwartung einer Rendite. Wer Kapital zur Verfügung stellt, erwartet dafür einen Ertrag. Unternehmen wiederum benötigen Kapital, um zu investieren, zu produzieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Dieser Kreislauf kann wirtschaftliche Entwicklung fördern. Gleichzeitig entsteht daraus ein dauerhafter Wachstumsdruck.
Denn Zinsen verlangen zusätzliche Erträge. Ein Kredit über 100'000 CHF soll beispielsweise nach einer bestimmten Zeit mit mehr als 100'000 CHF zurückbezahlt werden. Damit dieses zusätzliche Geld erwirtschaftet werden kann, braucht es Einkommen, Gewinne oder weiteres Wachstum. Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene stellt sich deshalb die Frage, wie lange eine solche Dynamik tragfähig bleibt.
Hinzu kommt die Inflation. Steigen Preise, sinkt die Kaufkraft eines Franken. Für Sparer bedeutet dies, dass selbst ein nominal wachsendes Guthaben real an Wert verlieren kann. Ein Zinsertrag von beispielsweise zwei Prozent hilft wenig, wenn die Preise gleichzeitig stärker steigen.
Damit entsteht ein bemerkenswerter Gegensatz: Geld soll sich vermehren und Rendite erzielen, während seine Kaufkraft gleichzeitig unter Druck geraten kann.
Auch die Verteilung spielt eine Rolle. Menschen und Unternehmen mit grossen Kapitalbeständen können stärker von Zinseinnahmen und Vermögensrenditen profitieren. Wer hingegen Kredite benötigt, trägt die entsprechenden Finanzierungskosten.
Diese Zusammenhänge legen eine grundlegende Frage nahe: Ist ein Geldsystem, in dem Geld selbst einen Ertrag erwirtschaften soll, langfristig mit dem Ziel eines stabilen Geldwertes vereinbar?
Vielleicht braucht es deshalb einen Perspektivenwechsel. Statt zu fragen, wie Geld möglichst erfolgreich „arbeiten“ kann, könnten wir fragen, welche Aufgabe Geld in einer stabilen und leistungsfähigen Wirtschaft erfüllen soll.
3. Hauptteil
3.1 Getreide – Wachstum braucht Arbeit
Getreide eignet sich hervorragend, um den Unterschied zwischen einem realen Gut und Geld sichtbar zu machen. Beginnen wir mit einem Weizenkorn. Es besitzt einen konkreten Wert und eine klare Aufgabe: Es kann ausgesät werden und unter geeigneten Bedingungen zu einer neuen Pflanze heranwachsen.
Bis zur Ernte braucht es allerdings mehr als Zeit. Der Boden wird vorbereitet, das Saatgut ausgebracht und die Entwicklung des Bestandes begleitet. Unkraut konkurriert mit dem Getreide um Wasser, Nährstoffe und Licht. Striegeln und Hacken helfen bei der Unkrautbekämpfung. Dazu kommen Wetterrisiken, Krankheiten und der richtige Zeitpunkt für die Ernte.
Das Wachstum des Getreides basiert damit auf einem natürlichen Prozess, der durch menschliche Arbeit unterstützt wird. Aus einem kleinen Samenkorn entsteht eine grössere Menge an Körnern. Dieses Wachstum hat eine reale Grundlage.
Auch nach der Ernte entstehen Aufgaben und Kosten. Weizen muss für eine sichere Lagerung ausreichend trocken sein. Als Richtwert gelten rund 14,5 Prozent Wassergehalt. Bei höherer Feuchtigkeit kann eine zusätzliche Trocknung erforderlich werden. Dafür braucht es Energie und technische Anlagen.
Anschliessend muss der Weizen gelagert werden. Silos, Lagerhallen, Reinigung, Kontrolle und Schutz vor Schädlingen verursachen laufende Kosten. Je länger das Getreide gelagert wird, desto länger bindet es zudem Kapital und Lagerkapazität.
Damit zeigt sich eine interessante Eigenschaft realer Güter: Wachstum und Besitz sind mit Aufwand verbunden. Ein Bauer kann seine Ernte lagern und auf einen späteren Verkauf hoffen. Während dieser Zeit arbeitet das Getreide jedoch kaum für ihn. Im Gegenteil: Die Lagerung verursacht Kosten.
Beim Geld erleben wir eine völlig andere Logik. Geld kann auf einem Konto liegen und gleichzeitig einen Zins abwerfen. Es benötigt weder Boden noch Wasser, keine Ernte und keine Lagerhalle und keine Lagerkosten. Trotzdem entsteht ein zusätzlicher Geldanspruch.
Genau hier öffnet sich der spannende Vergleich: Wenn Getreide durch reale Arbeit wächst und dabei Kosten verursacht – warum soll Geld durch blosses Besitzen wachsen?
Vielleicht liegt in dieser scheinbar einfachen Frage ein Schlüssel zum Verständnis unseres heutigen Geldsystems.
3.2 Geld bleibt stabil – fliessend statt verzinslich?
Was wäre, wenn Geld seine wichtigste Aufgabe bereits dann erfüllt, wenn es stabil seinen Wert behält und zuverlässig im Wirtschaftskreislauf fliesst? Diese Frage führt zu einem Gedanken, der in unterschiedlichen Formen immer wieder aufgegriffen wurde: Geld könnte vor allem als Tauschmittel dienen, statt selbst zum Anlageobjekt mit ständigem Wachstumsanspruch zu werden.
Silvio Gesell entwickelte mit der Idee des „Freigeldes“ ein Konzept, bei dem Geld durch eine Umlaufsicherung zum fliessenden Geld werden sollte. Wer Geld länger zurückhält, trägt dabei einen gewissen Aufwand. Dadurch entsteht ein Anreiz, Geld wieder in den Wirtschaftskreislauf zu geben. Der Gedanke dahinter ist einfach: Geld soll den Austausch erleichtern, statt auf der Suche nach Rendite stillzustehen.
Auch Margrit Kennedy beschäftigte sich intensiv mit den Auswirkungen von Zins und Zinseszins. Sie stellte die Frage, welche Folgen ein Geldsystem für Wirtschaft und Gesellschaft hat, wenn Geldvermögen regelmässig wachsen soll. Aus dieser Perspektive wird der Zins zu mehr als einer finanziellen Kennzahl: Er beeinflusst die Verteilung von Vermögen und die Dynamik des gesamten Wirtschaftssystems.
Peter Haisenko wiederum hat sich kritisch mit unserem heutigen Geldsystem und der Rolle des Geldes auseinandergesetzt. Gemeinsam ist solchen Überlegungen die Suche nach einer Geldordnung, in der Geld seine Funktion als Tauschmittel, Recheneinheit und Wertmassstab möglichst zuverlässig erfüllen kann.
Ein stabiles Geld würde dabei eine andere Erwartung erzeugen. Wer beispielsweise heute 1'000 CHF besitzt, könnte darauf vertrauen, dass dieser Betrag seine wirtschaftliche Bedeutung möglichst weitgehend behält. Der Schwerpunkt läge auf der Kaufkraft und der Verlässlichkeit des Geldes.
Damit verändert sich auch die Perspektive auf das Sparen. Vermögensbildung müsste stärker über reale Werte, Investitionen und produktive Leistungen erfolgen. Geld selbst müsste dafür keinen automatischen Wachstumsanspruch besitzen.
Natürlich stellt sich sofort die Frage nach den praktischen Folgen. Wie lässt sich ein solches System gestalten? Wie bleibt Geld attraktiv genug, damit es seine Funktion erfüllt? Und welche Auswirkungen hätte ein fliessendes Geld auf Kredite, Sparen und Investitionen?
Genau hier wird es spannend: Vielleicht braucht eine stabile Wirtschaft Geld, das fliesst – statt Geld, das ständig nach dem nächsten Prozent Rendite sucht.
3.3 Geld arbeitet – wie stabil ist es dann?
Wenn Geld „arbeiten“ soll, steht dahinter meist die Erwartung eines Ertrags. Ein Guthaben von 100'000 CHF soll beispielsweise Zinsen abwerfen und nach einigen Jahren einen höheren Betrag darstellen. Für den Besitzer klingt das zunächst attraktiv. Doch auf gesamtwirtschaftlicher Ebene stellt sich eine andere Frage: Woher kommt der zusätzliche Ertrag?
Beim Zins wird Geld heute gegen einen höheren Rückzahlungsbetrag in der Zukunft zur Verfügung gestellt. Der Schuldner muss diesen Mehrbetrag erwirtschaften. Dafür braucht es Einkommen, Gewinne, Produktivitätssteigerungen oder weitere wirtschaftliche Aktivitäten. Der Zins verbindet damit die Gegenwart mit zukünftigen Erträgen.
Solange eine Wirtschaft wächst und ausreichend Einkommen erzeugt, kann dieser Mechanismus funktionieren. Schwieriger wird es, wenn Geldvermögen und Zinsansprüche dauerhaft schneller wachsen als die reale Wirtschaftsleistung. Dann entsteht ein zunehmender Anspruch auf zukünftige Werte.
Ein weiterer Faktor kommt hinzu: die Inflation. Steigen die Preise, sinkt die Kaufkraft des Geldes. Ein Guthaben kann auf dem Konto nominal wachsen und gleichzeitig real an Wert verlieren. Wer beispielsweise 2 Prozent Zins erhält, während die Preise um 3 Prozent steigen, verfügt nach einem Jahr über mehr Franken, kann sich dafür jedoch weniger leisten.
Damit entsteht ein bemerkenswertes Spannungsfeld. Geld soll sich vermehren und gleichzeitig seinen Wert behalten. Der nominale Betrag steigt, während die reale Kaufkraft sinken kann.
Auch der Zins selbst kann die Inflation beeinflussen. Unternehmen kalkulieren Finanzierungskosten in ihre Preise ein. Haushalte benötigen Einkommen, um Kredite zu bedienen. Der Finanzierungsaufwand fliesst damit über viele Wege in die Wirtschaft zurück.
Hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied zum Getreide. Ein Weizenkorn erzeugt durch einen natürlichen Wachstumsprozess neue Körner. Beim Geld entsteht der Zuwachs durch einen Anspruch auf zukünftige wirtschaftliche Leistung.
Deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf die Aussage „Geld arbeitet“. Geld selbst produziert weder Weizen noch Maschinen noch Dienstleistungen. Menschen, Unternehmen und Ressourcen schaffen diese realen Werte.
Vielleicht wäre deshalb eine andere Formulierung treffender: Geld arbeitet nicht selbst – Geld ermöglicht, verteilt und bewertet wirtschaftliche Leistung.
Die entscheidende Frage lautet somit: Wie gestalten wir dieses Werkzeug so, dass es seinen Wert möglichst stabil erhält und der realen Wirtschaft dient?
3.4 Wer gewinnt, wenn Geld arbeitet?
Wenn Geld durch Zinsen und Renditen wachsen soll, stellt sich eine weitere Frage: Wer profitiert davon – und wer bezahlt dafür? Auf den ersten Blick erscheint der Zins als faire Vergütung dafür, dass jemand sein Kapital zur Verfügung stellt. Bei genauerer Betrachtung entsteht jedoch ein Verteilungsmechanismus, der für die Gesellschaft erhebliche Bedeutung besitzt.
Wer über grössere Geldvermögen verfügt, kann Kapital anlegen und daraus laufende Erträge erzielen. Ein Vermögen von 1 Million CHF erwirtschaftet bei 3 Prozent beispielsweise 30'000 CHF pro Jahr, bevor Kosten, Steuern und weitere Faktoren berücksichtigt werden. Für jemanden mit wenig Kapital besitzt derselbe Zinssatz eine völlig andere Bedeutung. Wer einen Kredit benötigt, bezahlt Zinsen und trägt damit zusätzliche Kosten.
So entsteht ein Kreislauf: Kapital erzeugt Einkommen, während fehlendes Kapital Kosten verursacht.
Diese Wirkung wird besonders interessant, wenn man die gesamte Volkswirtschaft betrachtet. Unternehmen finanzieren Maschinen, Gebäude und Produktionsanlagen häufig über Fremdkapital. Die entsprechenden Zinskosten fliessen in ihre Kalkulation ein. Sie können damit indirekt in Preisen für Waren und Dienstleistungen enthalten sein.
Auch öffentliche Haushalte finanzieren sich teilweise über Schulden. Steigende Zinslasten beanspruchen Mittel, die an anderer Stelle eingesetzt werden könnten. Letztlich tragen Bürgerinnen und Bürger über Steuern und öffentliche Ausgaben an diesen Kosten mit.
Damit erhält der Zins eine zweite Funktion: Er ist zugleich ein Verteilungsmechanismus. Geld fliesst von denjenigen, die Kapital benötigen, zu denjenigen, die Kapital besitzen. Bei einer ungleichen Vermögensverteilung kann dieser Strom langfristig die Konzentration von Vermögen verstärken.
Das bedeutet keineswegs, dass jede Form von Zins automatisch problematisch ist. Kredite ermöglichen Investitionen, Unternehmensgründungen und den Aufbau produktiver Infrastruktur. Kapital kann dadurch einen wichtigen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung leisten.
Die entscheidende Frage liegt deshalb eine Ebene tiefer: Wie stark soll ein Geldsystem Vermögen allein aufgrund vorhandenen Geldbesitzes wachsen lassen?
Wenn Geldbesitz dauerhaft schneller wächst als die reale Wirtschaftsleistung, können sich die Gewichte verschieben. Vermögen erzeugt weiteres Vermögen, während Arbeit und Konsum die Kosten der Finanzierung tragen.
Vielleicht lohnt sich deshalb ein Perspektivenwechsel: Statt allein zu fragen, wie hoch die Rendite einer Anlage ausfällt, sollten wir auch fragen, woher diese Rendite kommt und welche Wirkung sie auf die gesamte Gesellschaft hat.
Damit sind wir bei der nächsten entscheidenden Frage: Welche Rolle könnte eine alternative Geldordnung spielen?
3.5 Vollgeld – ein anderer Blick auf die Geldordnung
Die Schweizer Vollgeld-Initiative brachte eine grundlegende Frage in die öffentliche Diskussion: Wer soll Geld schaffen dürfen – und welche Regeln sollen dabei gelten?
Heute entsteht ein grosser Teil des Buchgeldes im Bankensystem im Zusammenhang mit der Kreditvergabe. Die Vollgeld-Initiative wollte diese Geldschöpfung grundlegend neu ordnen. Geld sollte als gesetzliches Zahlungsmittel vollständig durch die Schweizerische Nationalbank geschaffen werden.
Damit setzt Vollgeld an einer anderen Stelle an als die Idee des fliessenden Geldes. Während fliessendes Geld vor allem die Zirkulation und Stabilität des Geldes betrachtet, richtet Vollgeld den Blick auf seine Entstehung.
Der Gedanke ist dennoch verwandt: Geld soll seine Funktion als Zahlungsmittel erfüllen und dabei stärker von der Dynamik des privaten Schuldenaufbaus getrennt werden. Die Schaffung von Geld wäre stärker an eine zentrale geldpolitische Verantwortung gebunden.
Für unsere Ausgangsfrage ergibt sich daraus ein interessanter Perspektivenwechsel. Vollgeld beantwortet weniger die Frage, wie Geld arbeitet, sondern vielmehr die Frage, wer darüber entscheidet, wie viel Geld entsteht und unter welchen Bedingungen.
Damit lassen sich verschiedene Reformideen voneinander unterscheiden: Fliessendes Geld beschäftigt sich mit dem Umlauf, Vollgeld mit der Geldschöpfung und eine stabile Währung mit der Erhaltung der Kaufkraft.
Vielleicht liegt gerade in dieser Kombination ein Ansatz für die Zukunft. Geld könnte seine Aufgabe als Zahlungsmittel zuverlässig erfüllen, während die Erzeugung realer Werte weiterhin durch Menschen, Unternehmen und produktive Investitionen erfolgt.
Die Vollgeld-Idee zeigt damit vor allem eines: Die heutige Geldordnung ist keine Naturkonstante. Sie beruht auf Regeln, die Menschen geschaffen haben – und Regeln lassen sich weiterentwickeln.
4. Schluss und Ausblick
„Lassen Sie Ihr Geld arbeiten“ klingt zunächst nach einer vernünftigen Empfehlung. Doch der Vergleich mit Getreide zeigt einen wichtigen Unterschied: Getreide wächst durch einen realen biologischen Prozess. Dahinter stehen Boden, Saatgut, Wetter, menschliche Arbeit, Energie und Zeit. Nach der Ernte entstehen weitere Kosten für Trocknung und Lagerung.
Geld besitzt diese Eigenschaften nicht. Geld produziert aus sich selbst heraus weder Nahrung noch Häuser noch Maschinen. Die realen Werte entstehen durch Menschen, Unternehmen und natürliche Ressourcen. Es braucht also jemand, der ohne dafür bezahlt zu werden arbeitet, damit ein anderer den Zins erhalten kann.Geld dient dazu, diese Leistungen zu ermöglichen, zu bewerten und auszutauschen.
Damit lohnt sich ein neuer Blick auf Zins und Rendite. Wenn Geldvermögen wachsen, entstehen Ansprüche auf zukünftige wirtschaftliche Leistungen. Gleichzeitig kann Inflation die Kaufkraft des Geldes verändern. Die Frage lautet deshalb weniger, wie Geld möglichst viel Rendite erwirtschaftet, sondern vielmehr: Wie kann Geld seine Funktion als stabiles und zuverlässiges Werkzeug der Wirtschaft erfüllen?
Ansätze wie fliessendes Geld oder die Vollgeld-Idee zeigen, dass verschiedene Wege denkbar sind. Sie setzen an unterschiedlichen Punkten an: beim Umlauf des Geldes, bei seiner Schöpfung oder bei seiner Wertstabilität.
Eine solche Diskussion verdient Offenheit und Sachlichkeit. Sie darf auch vertraute Grundannahmen hinterfragen. Denn unser Geldsystem ist von Menschen gestaltet und damit grundsätzlich veränderbar.
Vielleicht sollten wir deshalb künftig weniger darüber sprechen, wie wir unser Geld möglichst erfolgreich „arbeiten lassen“. Spannender wäre die Frage, wie Geld der Arbeit von Menschen besser dienen kann.
Das beginnt mit Aufmerksamkeit. Informieren Sie sich. Hinterfragen Sie vertraute Aussagen über Zins, Inflation und Vermögensaufbau. Sprechen Sie mit Freunden und Bekannten darüber. Gerade bei einem Thema, das jeden Menschen betrifft, entsteht Veränderung zuerst durch Bewusstsein und offene Gespräche.
Vielleicht ist es Zeit, Geld wieder stärker als das zu betrachten, was es ursprünglich sein soll: ein Werkzeug für die Menschen – und kein Selbstzweck.
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